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28.06.2014

Wladimir Kaminer vor Lesung in Schleiz: "Ruhe lenkt mich ab"

von Judith Albig Ostthüringer Zeitung

Vor der Lesung am Sonntag auf dem Platz vor der Schleizer Bibliothek sprach OTZ mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer. An seinen Erfahrungen mit dieser Freizeitbeschäftigung der Deutschen lässt er die Leser seines neuesten Buches und die Besucher seiner Lesung am Sonntag teilhaben. Bei Regen findet die Garten-Veranstaltung auch im Saal statt - in dem der Wisentahalle. An der Bibliothek bekommen Besucher Bescheid. Foto: Archiv/Hans-Peter Stadermann

Vor der Lesung am Sonntag auf dem Platz vor der Schleizer Bibliothek sprach OTZ mit dem Schriftsteller Wladimir Kaminer, dem etwas anderen Schrebergärtner über Erdbeeren, Matjeshering sowie Pflanzen und Kinder, die alle wachsen.

Wie gemacht für die literarische Veranstaltungsreihe "Sind im Garten" ist Wladimir Kaminers neuestes Buch "Diesseits von Eden", das er morgen bei seinem nach 2010 zweiten Besuch in Schleiz vorstellen will. Darin setzt er seine spannenden Erfahrungen "Aus dem Schrebergarten" fort - nun auf einem Wochenendgrundstück im brandenburgischen Glücklitz. Den ersten Garten hatte die Familie nämlich wegen "spontaner Vegetation" aufgeben müssen. Herr Kaminer, wie geht es Ihnen an dem neuen Ort, wie ist die Erdbeerernte?

Erdbeeren haben wir gar nicht, glaube ich. Aber Kirschen sind schon da, die schmecken sehr gut. Und Wacholder - wir haben eine Unmenge Wacholder, meine Frau hat schon literweise ­Sirup daraus gekocht. Moment mal - ach ja, meine Frau sagt gerade, dass wir doch Erdbeeren haben.

Da wir gerade bei Geschmacksrichtungen sind - mögen Sie Matjeshering wirklich so sehr, wie Sie es bei "Onkel Wanja kommt" beschreiben?

Ja schon, doch, doch! Zweifeln Sie nicht an meinem geschriebenen Wort! Diese Matjes sind wirklich die besten Heringe. Gerade heute hab ich wieder welche gekauft, weil mich die Schwiegermutter noch unterwegs angerufen hat, dass ich welche mitbringen soll.

Zurück zu Ihrem Gartenreich. Als ich das Wort "Glücklitz" in den Computer eingegeben ­habe, korrigierte der es in "Glücklich". Hat der Computer recht?

Auf jeden Fall. Das ist ja das Thema: dass Menschen überall ihr Paradies Realität werden lassen. In einem Garten zu sein, das ist mit dem Stadtleben überhaupt nicht zu vergleichen.Da ist man näher am Himmel und findet leichter zu sich selbst. Man fühlt sich als ein Teil der Natur.

Sie kommen schon zum zweiten Mal nach Schleiz. Heißt das, Sie sind schon mal rum in Deutschland? Gibt es nach dem "Dschungelbuch" noch weiße Flecken auf Ihrer ganz persönlichen Deutschlandkarte?

Ich denke oft - jetzt muss ich doch schon überall gewesen sein. Aber immer wieder bekomme ich noch Einladungen an unbekannte Orte. Oder Freunde erzählen, wo sie gewesen sind und sagen, dass ich dort unbedingt auch mal hinfahren muss. Deutschland ist ja sowieso ein Land voller Überraschungen. Wenn ich im Zug aus dem Fenster schaue, denke ich, ich fahre nur durch Felder und Wälder, aber hinter jedem Wäldchen und hinter jedem Feld ist ein Städtchen versteckt mit Menschen, über die man sich wundern kann.

Seit 15 Jahren gehen Sie schon auf Lesereise; erstaunlich, dass Sie überhaupt noch Zeit zum Schreiben haben.

Das vermischt sich alles. An ungefähr 200 Tagen reise ich durch Deutschland, und 150 Tage habe ich frei. Am liebsten schreibe ich aber sowieso im Zug.

Da finden Sie Ruhe dazu!?

Je weniger Ruhe, umso besser. Ruhe lenkt mich ab. Ruhe ist unnatürlich, die ist nicht vorgesehen in der Natur. Auch im Garten nicht - da summt es und schreit, und der Wind weht.

Wie ist das eigentlich, wenn man eine zweite Sprache so verinnerlicht hat wie Sie - denken Sie in russisch oder in deutsch?

Das weiß ich gar nicht so genau. Auf jeden Fall - wenn ich meine Steuererklärung machen muss, da denke ich sehr deutsch. Und wenn ich an Putin denke, dann russisch - und zwar mit Wut über den Personenkult, der in Rußland jetzt wieder herrscht. Das glaubt man doch nicht, da kaufen die Leute T-Shirts mit einem Putin-Bild drauf!

Stecken Sie gedanklich schon im nächsten Buch?

Ja, das würde ich außer dem Gartenbuch auch in Schleiz gern vorstellen, um die Reaktionen zu testen. Es geht um die spannende Lebenszeit der Pubertät. Das passt eigentlich auch gut zum Garten, denn die Pflanzen wachsen und die Kinder auch. Die kommen zum Beispiel in die Pubertät. Meine Tochter wird bald 18, der Sohn ist 15. Wir hatten ja in der Sowjetunion keine Pubertät, deswegen pubertiere ich gleich mit und schreibe darüber.

Nach etwa 20 Büchern gehen dann aber bestimmt so langsam die Ideen aus.

Überhaupt nicht. So lange das Leben währt, gibt es Ideen.

Das klingt sehr schön für uns Leser. Viel Spaß auch Ihnen dabei! Und fragen Sie Ihre Frau mal noch, wo die Erdbeeren stehen . . .