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16.04.2007

'Wissen Sie, ich bin kein Held'

von Katrin Schulz Ostthüringer Zeitung

Reiner-Kunze-Preis:
Der Reichenbacher Schriftsteller Utz Rachowski erhält den ersten Reiner-Kunze-Preis, der am 6. Mai 2007 verliehen wird. Der mit 4000 Euro dotierte Preis wird von der Sparkasse Erzgebirge, Kunzes Geburtstadt Oelsnitz und dem Sächsischen Schriftstellerverband gestiftet und soll aller zwei Jahre vergeben werden. Das Credo des Preises: Poesie als Widerstand.

Utz Rachowski: "Der letzte Tag der Kindheit" und "Namenlose".Greiz ehrt Ehrenbürger Reiner Kunze mit beeindruckendem Abend "Gegen das Vergessen"

Von Kathrin Schulz Greiz. "Wissen Sie, ich bin kein Held", gesteht Reiner Kunze am Freitagabend vor gut 300 Zuhörern in der Greizer Stadtkirche. Sie alle waren gekommen, um nicht zu vergessen. Der Anlass: Auf den Tag genau vor 30 Jahren war der Schriftsteller Reiner Kunze mit seiner Familie aus der DDR ausgebürgert worden. Einen Ausreiseantrag habe er gestellt, weil nur so, das wusste er aus gezielter Indiskretion, ein Prozess gegen ihn, mit dem die Machthaber zweifelsohne ein Exempel statuieren wollten, zu verhindern war. Praktisch über Nacht war alles geregelt für die Ausbürgerung. Kunze, der Intellektuelle der leisen Töne, war zum Staatsfeind geworden.

Dabei hatte er nie gehen wollen, wie er am Freitag in Greiz unterstrich: "Trotz dieser Konflikte, trotz Ausschluss aus dem Schriftstellerverband, trotz öffentlicher Bezeichnung als Staatsfeind, ist uns nie der Gedanke gekommen, aus der DDR wegzugehen."

Den Grundkonflikt beschreibt der Verfasser des 1976 erschienenen Prosabandes "Die wunderbaren Jahre", der von 1962 bis 1977 in Greiz lebte, so: Wir wohnten in der Franz-Feustel-Straße 10 im Parterre und an manchen Wintertagen war das Küchenfenster zugefroren. Die Post war für uns eine zweite Luftröhre, über die wir notatmeten. Eine Beobachtung dazu hielt ich in den 21 Variationen über das Thema "die post" so fest: "Wenn die Post hinters Fenster fährt, blühen die Eisblumen gelb." Das Manuskript erhielt ich vom Verlag zurück - nach vergeblichen Versuchen eine Druckgenehmigung zu erhalten. Man hatte befunden, der Vers sei verleumderisch, drücke gesellschaftliche Kälte in der DDR aus. Mein Fazit: "Wenn sie das nicht schreiben dürfen, können sie nicht auf ihre Art die Wahrheit sagen - das ist das Ende des Schriftstellers".

Viele Briefe, über die Kunze mit der Welt verbunden war, kamen nicht an. Wie viele, das hat er erst aus seinen 24-bändigen Stasi-Akten erfahren.

Dr. Joachim Gauck, der erste Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, kannte Reiner Kunze schon vorher: "Als ich ein Staatsinsasse war, sind Sie, Herr Kunze, an meine Seite getreten - als ein Mensch, der uns erlaubte, Hoffnung zu haben", dankt der Theologe und Mitbegründer des Neuen Forums am Freitagabend in seiner Rede "einem, der sich treu geblieben ist" in einem Land der Ja-Sager, in dem das Anpassungssyndrom die Menschen veränderte.

"Die oppositionellen Denker sind der verborgene Schatz einer Nation", betont Gauck an diesem Tag des Erinnerns.

Und wirft gleichzeitig einen kritischen Blick auf die Gegenwart: "Ich leide ein wenig unter der neuen Nationalkultur, der Kultur des Verdrusses, ein Zeitgeist, der durchs Land wabert."

Auch Dr. Martin Straub, Literaturwissenschaftler und Geschäftsführer des Lese-Zeichen e.V., nutzte diesen Greizer Abend, um Reiner Kunze zu danken. "Seine Noblesse und seine Freundlichkeit machten mir nach der Wende Mut, mich auf den Weg zu machen. " Straub würdigt Kunzes Kunst und Wortvertrauen, abseits von den Wühltischen der Sprache.

Ein ganz besonderes Autogramm ließ sich Andreas Bley, Leiter der Außenstelle Gera der Stasiunterlagenbehörde, geben. Auf das heimlich abfotografierte Exemplar der "Wunderbaren Jahre", die seinerzeit ihren nicht ungefährlichen Weg durch viele Hände fanden. Bley dankte Kunze auch für seine Dokumentation "Deckname Lyrik" (1990), die einen großen Beitrag zum Stasiunterlagengesetz geleistet habe.

Gedichte Reiner Kunzes hatten Freitagabend die Schüler der Vorlesegruppe des Gymnasiums und der Bibliothek in die Stadtkirche gebracht. Unterstützt von Manuela Böhm am Klavier rezitierten Judith Grase, Maxie Riemenschneider, Joachim Bier, Toni Machold und Christopher Förster.

Die Gedanken schweifen lassen konnte das Publikum zum Free-Jazz von Hermann Losch und Ullrich Blumenstein von "media nox". Und während Reiner Kunze noch so manches Exemplar von "Die wunderbaren Jahre" für seine Greizer Fans signierte, zeigte sich seine Frau Dr. Elisabeth Kunze "sehr bewegt von diesem Abend in Greiz", der mit Gesprächen im Weißen Saal des Unteren Schlosses ausklang.