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18.09.2006

'Wir krächzen wie die Raben'

von Frank Quilitzsch TLZ

Bad Frankenhausen. (tlz) "Er spricht im Schlaf zum Knaben: / Geh hin vors Schloß, o Zwerg, / Und sieh, ob noch die Raben / Herfliegen um den Berg."
Wenn die Raben fliegen, muss er weitere hundert Jahre schlafen. So fordert es die Legende von Kaiser Barbarossa. Natürlich haben wir unseren Friedrich Rückert im Ranzen. Natürlich gelangen wir vor Barbarossas Versteck. Doch kriechen wir dem nationalistischen Zausel nicht um den elfenbeinernen Stuhl. Wir lassen uns den Wind um den Bart - soweit vorhanden - wehen und rezitieren. Wir, zwei Dutzend aufsteigender Autoren, steil den Kyffhäuser hinan. Wir folgen keiner Fahne, sondern sachkundigen Führern, den Herausgebern des Barbarossa-Bandes "Tief im Schoß des Kyffhäusers": Michael K. Brust und Gerald Höfer. Mal nehmen wir einen zur Brust, mal besichtigen wir Höfe. Und bestaunen Wunder: den schiefen Turm der St. Pankratiuskirche zu Bendeleben, der ein grammatikalisches Geheimnis birgt. Die Orangerie mit Galerie, errichtet durch Bürgerfleiß. Bendeleben - der Name ist reine Poesie: 795 Einwohner, 34 Vereinsmitglieder, 19 Denkmalobjekte, eine Dorfkneipe. Nachdem der letzte Wirt das Handtuch schmiss, Klub der Volkssolidarität.

Im Schankraum sitzt man zum Leichenschmaus, die Totenglocken läuten. Aber der Saal, sagt die Wirtin, die keine ist, ist frei. Leer sogar. Wir stellen Tische und Stühle, bekommen einen Kasten Bier und skandieren: "Sein Bart ist nicht von Flachse, / Er ist von Feuersglut, / Ist durch den Tisch gewachsen, / Worauf sein Kinn ausruht."

Zurück ins Hauptquartier, Hotel "Am Kyffhäuser", in Bad Frankenhausen. Die einen zerschmelzen zart in der Goethe-Schokoladentaler-Manufaktur, die andern pilgern hinauf zu Tübke. Unterbrechung des Abendbrots: Getrommel, Gepfiffel und Motorengedröhn. Der Sensen und Keulen schwingende "Bundschuh", gefolgt von sexy Spielmannszügen und fruchtgeschmückten Traktoren festumzügelt die heldenhafte Bauernopferstadt.

Nordhäuser körnig geht´s her, als wir uns nächtens die Manuskripte zerlesen. Echte Poeten nützen sich, indem sie einander kränken. Lippen beben, Ohren glühen, Silben schnalzen: Gräfin Cosel Witz zu Siebengrün. "Heil Elisabeth! Elisabeth! Elisabeth!" Dein Jahr komme! Flaschen rollen, Exposés verpuffen, manch verletzte Schreiberseele tut einen Knacks. Barbarossa stöhnt, den Brummschädel auf dem Tisch, ohne zu erwachen. Schlaf, Barbie, schlaf! Wir krächzen wie die Raben.

Vom 15. bis 17. September trafen sich 22 Autoren des Verbandes deutscher Schriftsteller Thüringen in Bad Frankenhausen, um gemeinsam im Kyffhäusergebirge zu wandern, neue Manuskripte zu diskutieren und öffentlich aus ihren Büchern zu lesen. Besonderer Dank gilt dem rührigen Förderverein der Stadtbibliothek Bad Frankenhausen.