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11.05.2013

Wir finden Sie!

von Hans-Joachim Föller Frankfurter Allgemeine Zeitung

Wie der Autor Jürgen Fuchs gegen die Stasi kämpfte

 „Legen Sie sich später nicht mit uns an. Wir finden Sie überall. Auch im Westen. Autounfälle gibt es überall.“ Diese Worte gab 1977 die Stasi dem Schriftsteller Jürgen Fuchs bei seiner Entlassung aus politischer Haft aus dem berüchtigten DDR-Gefängnis in Berlin Hohenschönhausen mit auf den Weg. Doch ließ sich der 1950 im vogtländischen Reichenbach geborene Schriftsteller und Menschenrechtler davon nicht einschüchtern und veröffentlichte in der Bundesrepublik bald darauf seine Bücher "Gedächtnisprotokolle" und "Vernehmungsprotokolle", in denen er in bewusst klarer Sprache Innenansichten der Herrschaftstechniken im SED-Staat und ihrer das Ich einkreisenden Zwangssozialisation lieferte. Zudem hielt er Kontakt zu oppositionellen Gruppen im Ostblock, besonders in der DDR. Auch aus diesem Grund stand er weiterhin unter der Beobachtung durch die Staatssicherheit, die versuchte, ihn mit Hilfe von ausgeklügeltem Psychoterror zu „zersetzen“. So explodierte vor seinem Haus in West-Berlin eine Bombe, der um ein Haar seine kleine Tochter zum Opfer gefallen wäre, ein anderes Mal wurden die Bremsschläuche seines Autos durchgeschnitten.

Nun hat die Publizistin Doris Liebermann, eine Weggefährtin aus gemeinsamen oppositionellen Tagen in Jena, ein 149 Minuten dauerndes Hörbuch mit Gesprächen zusammengestellt. In deren Mittelpunkt steht nicht der mit nur 48 Jahren an einer sehr wahrscheinlich durch die Stasi verursachten seltenen Blutkrebsart verstorbene Prosaautor und Lyriker Fuchs, sondern der Psychologe und Bürgerrechtler, der sich hier als scharfsichtiger Analytiker der nach sowjetischem Modell errichteten Diktatur der SED und ihren ausgefeilten Terrormethoden erweist.

Das Besondere an den modernen Diktaturen sei, dass diese die Täter-Opfer-Relation ein wenig durcheinanderbringen würden, sagt Fuchs. Denn fast immer sei jedes Opfer auch ein Mittäter. Zur Begründung verweist er auf die Alltagspraxis in der DDR-Gesellschaft. „Wer hat denn da nicht auch geschwiegen, irgendwie mitgemacht.“ Genau das wollte er mit seinen Büchern zeigen: dass die Menschen durch das totalitäre Herrschaftssystem planmäßig in Situationen gebracht werden, in denen diese von der Ausweglosigkeit überwältigt werden sollten, um sie gefügig zu machen. Doch erwähnt der studierte Psychologe im Rückblick auf seine Entwicklung auch Schutzmechanismen, die ihn davor bewahrten, sich kritiklos gleichzuschalten. Entscheidend sei, ob das Kind bereits im Elternhaus einen Widerspruchsgeist gegenüber den Anforderungen von Schule, Gesellschaft und Partei erfahre. Bei ihm sei das der Fall gewesen. Auch Ängstlichkeit gegenüber der Obrigkeit spiele eine wichtige Rolle. Zudem verweist Fuchs auf die Ausprägung der Gehorsamsbereitschaft, auf deren verheerende Folgen den Jugendlichen seinerzeit das Leseerlebnis Wolfang Borchardt aufmerksam machte. „Wir werden nie mehr antreten auf einen Pfiff hin“, lautete dessen Motto nach einschlägigen Erfahrungen im Dritten Reich.

Zu Wort kommt auch der Bundesbeauftragte für Stasi-Unterlagen Roland Jahn. Der drei Jahre Jüngere berichtet von der Fama, die Fuchs in Oppositionskreisen gleichsam vorauseilte. Da gebe es einen, der „der seinen Weg geht und die Feigheit überwunden habe“. Den wollte er kennenlernen. Auch die Hörer der beiden CDs haben nun die Gelegenheit dazu.

 Doris Liebermann (Hg): Landschaften der Lüge – Gespräche mit Jürgen Fuchs, Hörbuch Hamburg, 2013, 2 CDs, 149 Minuten, 14,99 Euro.