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16.04.2008

Wikipädagogen

von Matthias Biskupek Thüringer Allgemeine

Wie Biografien im Internet-Lexikon zurechtgebogen werden

Gäbe es Wikipedia nicht, müßte man es eigens fürs Netz erfinden. Ein demokratische Lexikon, an dem ? fast ? jeder mitarbeiten kann. Deshalb wimmelt es von Wahrheiten ebenso, wie von Fehlern, Missgünstigkeiten und bewusstem Blödsinn ? letzteres heißt in der Fachsprache Vandalismus.

Wer über A-, B-, C-, oder Dorf-Promis etwas wissen will, wird bei Wikipedia fündig. Als Nachschlagewerk zur Literatur, speziell zur gegenwärtigen, hat es einen großen Reiz. Denn es zeugt von Eitelkeiten wie von Neid, von Unverständnis wie von Kenntnis, von Anbetung wie von Missachtung.
Eine der besten Wikipedia-Erfindungen sind die gespeicherten Versionen, Änderungen und Ergänzungen, gelegentlich im Minutentakt eintreffend. Text-Entwicklungen werden sichtbar, oder, wie wir auf literaturdeutsch sagen: Das Work in progress scheint aus der Tiefe herauf.
Für einen unrepräsentativen Vergleich habe ich zwei lebende deutsche Schriftsteller gewählt. Das Verbindende: Beide haben mit Thüringen zu tun. Beide kenne und schätze ich privat, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Beider Arbeiten verfolge ich mit Neugier und Interesse. Beide haben polemische Qualitäten und reizen zu Anfeindungen.
Meine Objekte heißen (alphabetisch geordnet) mit Vornamen Landolf und Lutz, mit Nachnamen Rathenow (R.) und Scherzer (S.).
S.?s Wikikarriere hat etwa 50 Versionen und beginnt am ersten Juli 2004 mit fünf Zeilen. Dort heißt es, seine Bücher behandelten die DDR kritisch, waren deshalb einst schwer erhältlich; 1965 sei S. wegen ?kritischer Reportagen? von der Uni Leipzig exmatrikuliert und seit 1994 Vorsitzender des Thüringer Schriftstellerverbandes.
R.?s Wikikarriere mit etwa 150 Versionen, beginnt am 13. Mai 2004. in zwölf Zeilen wird knapp mitgeteilt, dass er 1977 ?wegen Zweifeln an Grundpositionen? von der Uni Jena exmatrikuliert und 1980 verhaftet wurde, nach internationalen Protesten aber wieder freikam. Bereits im November 2004 allerdings endet R?s vorläufiges Leben so: ?In der westdeutschen politischen Linken erlangte Rathenow großen, allerdings negativ konnotierten Ruhm. Er diente in der Zeitschrift ?Konkret? einige Ausgaben lang als Running Gag. Konkret-Herausgeber Herman (!) L. Gremliza schmähte ihn in jeder Ausgabe sowohl aufgrund seines, von Gremliza so beschriebenen, schlechtes Sprachstils als auch wegen seiner Persönlichkeit. Wiglaf Droste griff dies in seinen Büchern auf.?
Bei S. wird im Dezember 2004 ergänzt, dass eine Publikation seiner Bücher in der DDR zeitweise erschwert wurde, dass er mit ?Fänger und Gefangene? Aufsehen erregte und mit dem ?Ersten? erstmals Einblick in die innere Struktur des Parteiapparats gegeben habe.
R.s schlechte Persönlichkeit bleibt zwei Jahre lang Running Gag, dann verschwindet sein ?negativer Ruhm?. Seit dem Pioniergeburtstag 2006 (13. Dezember) endet R?s. Leben vorläufig damit, dass er sich ?mit dem Staatsicherheitsdienst (SSD) der ehemaligen DDR? beschäftige. Dazwischen gibt es auch mal Versionen, dass er als NVA-Mauerschütze unschuldige Bürger an der Flucht in den freien Westen gehindert habe ? klar, wenn sie ihn nicht mehr als Stilpersönlichkeit lächerlich machen dürfen, müssen seine Feinde anderweitig zuschlagen.
Im Oktober 2007 gibt es Neuigkeiten bei S. Gerade hat sein Buch ?Der Grenzgänger? ihm viel Feind, viel Ehr eingebracht. Informelle Aufarbeiterkreise möchten ihn nunmehr als finsteren DDR-Nostalgiker und Stasi-Beschöniger sehen. Also verschwindet aus seinem Leben die ?Exmatrikulation wegen kritischer Reportagen?. Aus S. ist ein braver DDR-Staats-Liebediener geworden.
Im März 2008 schließlich schlagen die Geschichts- und Literaturbildner dann wirklich zu und attestieren ihm: ?Jedoch erfolgt die Beschreibung aus einer rückwärts gewandten, an romantisierenden Vorstellungen über einen Arbeiterführer orientierten Perspektive. Scherzer entwirft (...) das Bild eines engagierten Arbeiterführers der den Anspruch verfolgt, technische Defizite der DDR-Betriebe durch Engagement der Werktätigen ausgleichen zu können. Es gibt kaum kritische Brüche der ?Reportage? Scherzers. In dieser Hinsicht unterscheidet sich seine Intention nur graduell von der Ideologie der DDR-Staatsführung, die Werktätigen zur Übererfüllung des Plansolls anzuspornen.? Man beachte die Anführungszeichen bei der ?Reportage? ? zu DDR-Zeiten wurden R. diese von offizieller Seite beigeordnet wenn er als ?Schriftsteller? in Gänsefüßchen zu erscheinen hatte.
Bei R. wächst die Wikipedia-Biographie derweil von Monat zu Monat ? aber es gibt nur noch kleinere Meinungsverschiedenheiten: Wurde er wegen ?internationaler Proteste? nach zehntägiger Stasi-Haft 1980 entlassen oder wegen ?Intervention durch Böll und/oder Grass??
S.?s Biographie bekommt am 11. März d. J. die vorläufig abschließende Wertung durch die Kämpfer von der unsichtbaren Anti-Stasi-Front: ?Politische Unfreiheiten in der DDR oder gar der von der Staatssicherheit kontrollierte Überwachungsstaat spielen in Scherzers Werken keine Rolle.? Dies könnte anklagend auch bei Utta Danella und Umberto Eco stehen. Noch immer aber sei er ?Vorsitzender des Thüringer Schriftstellerverbandes?, den es definitiv nicht gibt und nie gab.
Was bei S. ?Überwachungsstaat? heißt, sind bei R. ?konspirative Kontakte? ? die er laut vorerst jüngster Version allerdings zu den Siegern der Geschichte unterhält. Bei S. lautet seltsamerweise noch immer der erste Satz, dass er sich ?kritisch? mit der DDR auseinandersetzte ? die Netzwächter haben hier nicht aufgepasst, denn das widerspricht dem romantisierenden Rückwärtswender, der keine kritischen Brüche kennt und ununterscheidbar von DDR-Staatsideologen ist.
R.?s aktuelle Biographie endet derzeit (12. 4. 08) so: ?Meist halbjährlich organisiert er das Seminar ?Schreiben, was im Kopf steckt??.
Manch Wikipädagoge hingegen steckt in fremde Biografien, was das eigene Köpfchen nicht fasst. Vielleicht lesen wir demnächst im Netz: ?Scherzer, Rathenow und Biskupek haben ein staatlich gefördertes Dreiecksverhältnis und betreiben als GmbH eine gewinnorientierte, uneheliche Vielweiberei.?