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17.11.2003

Wiedersehen mit der Domröse

von Sabine Wagner Ostthüringer Zeitung

Die exzellente Schauspielerin liest im Jenaer Volkshaus aus ihrer Biografie "Ich fang mich selbst ein"

"Ah, es ist schön voll. Das heißt, Sie erinnern sich an mich."

Angelica Domröse kokettiert nicht. Sie freut sich ehrlich darüber, dass zu ihrer Lesung Freitagabend im Volkshaus in Jena kaum ein freier Platz auszumachen ist. "Wissen Sie, wann ich das letzte Mal in Jena war?" fragt sie ihr Publikum. Und gibt selbst die Antwort: "Vor dreißig Jahren, an der Uni zu einer Diskussion mit Studenten über Paul und Paula."

Natürlich badet die Domröse im Applaus, der jetzt aufbraust. Das sieht man ihr an. Das steht ihr zu. Denn wer hat ihn nicht gesehen, den Film von Heiner Carow nach dem Buch von Ulrich Plenzdorf, mit dem das Duo Domröse/Glatzeder zum berühmtesten Liebespaar der DDR avanciert. Der Film selbst schon nach wenigen Wochen zur Legende, weil sich eine ganze Generation mit der starken Geschichte um eine unkonventionelle Liebe identifiziert. Und begierig die subtile politische Kritik aufsaugt, die in dieser Form bis dato selten öffentlich gemacht wurde, werden durfte. Das wissen die Jenenser. Auch, dass der unaufhaltsame Aufstieg der kleinen, noch immer zierlichen Frau mit der wandelbaren Stimme weit früher begann. In ihrer Biografie "Ich fang mich selbst ein", erschienen bei Lübbe und aufgeschrieben von der Tagesspiegel-Autorin Kerstin Decker, lässt sie ihr Künstlerleben Revue passieren. Von ihrer Kindheit in den Straßen, Kinos und Kirchen in Berlin über ihre erste Rolle als 17-Jährige im Dudow-Film "Erfindung der Liebe", Ausbildung und Engagement bei der großen Weigel am Berliner Ensemble bis zur schmerzhaften Übersiedlung mit ihrem Mann und Schauspieler-Kollegen Hilmar Thate nach Westberlin.

In Jena liest Angelica Domröse, die bis zu ihrem Bekenntnis zu Wolf Biermann als der große Star des DDR-Films und "DDR-Bardot" gefeiert wird, andere Kapitel als vergleichsweise in Stuttgart oder Wiesbaden. Was dafür spricht, dass diese Domröse durchaus mit den unterschiedlichen Befindlichkeiten in Ost und West vertraut ist, obwohl sie Dank ihrer Professionalität und ihrer unglaublichen Ausdruckskraft zu keiner Zeit mit einem Karriereknick zu kämpfen hatte. Sehr wohl aber mit befremdlichen Reaktionen auf den Paul-und-Paula-Film westwärts der Elbe oder so oberflächlichen Journalisten-Fragen wie, weshalb sie denn eigentlich nach Westberlin gegangen sei. In ihrer herrlichen spröden Art konterte die Domröse dann, so eine blöde Frage habe sie lange nicht gehört.

In Jena erinnert sie sich an ihre Ost- und Westtanten, an die damit verknüpften Sparbüchsen und die "vier Mächte in Berlin". An ihr nicht ungetrübtes Verhältnis zu Kollegen wie Wolf Kaiser, mit dem sie zur Volksbühne wechselt, mit einem gemeinsamen Brecht-Programm auch zu Gastspielen im Ausland Erfolge feiert und der nach der Wende aus dem Fenster seiner Wohnung in der Friedrichstraße in den Tod springt. Und sie erinnert sich an die Begegnungen mit einem "Abgesandten des konspirativen heimatlichen Graus", dem Mann mit der Rose von der Staatssicherheit, der sie mit anonymen Briefen über ihren angeblichen Antiquitätenhandel zu erpressen versucht.

Zwischen den Kapiteln wird sie von ihrer ausgezeichneten Pianistin Christine Reumschüssel abgelöst. Und immer wieder unterbrochen vom Applaus der Jenenser, die diese Rückblicke nachvollziehen können. Applaus gibt´s vor allem dafür, weil diese Erinnerungen der Angelica Domröse nicht nur geistreich sind, sondern überaus ehrlich.(Foto: Kreidner)