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22.05.2004

Wiedererweckung des Lyrikers J. R. Becher

von Frank Quilitzsch TLZ

Die "Ahrenshooper Gedichte" in einer schönen Auswahl

Dass vor einigen Wochen Fritz Cremers Becher-Stele in Jena verschwunden ist, wundert eigentlich nicht. Erstaunlich ist, dass der Diebstahl überhaupt bemerkt wurde.
Die Büste stand zuletzt, von Büschen umwuchert, vor einem Wohnblock in Neulobeda Ost, dem einstigen Studentenwohnheim "Johannes R. Becher". Ein Symbol für den Wertverfall eines Stückes deutschen Kulturerbes, dem sich heute kaum mehr jemand zuwendet: Johannes R. Becher (1891-1958), der Dichter und erste Kulturminister der DDR, war schon zu Lebzeiten zum Denkmal erstarrt. Jetzt verschwindet selbst das Denkmal. Und damit jeder Grund, sich an dem Jenaer Ehrenbürger zu reiben?
Nein, meint der Jenaer Schriftsteller und ausgewiesene Becher-Kenner Jens-Fietje Dwars, Reibung erzeugt Bewegung und schützt vor der eigenen Verknöcherung. Dass Becher mehr war als jener .,Staatsdichter", für den ihn viele aus Unkenntnis halten, hat Dwars bereits in seiner 800-seitigen Biografie "Abgrund des Widerspruchs", die 1998 im Aufbau-Verlag erschien, plastisch vor Augen geführt. Für ein Filmporträt nach dem Buch erhielt er mit Ulrich Kasten den AdoIf Grimme-Sonderpreis 2001. In Verdichtung dieser beiden Arbeiten erschien 2003 als Aufbau-Taschenbuch Dwars' biografischer Essay "Triumph und Verfall", der einen in Widersprüchen verstrickten und von Zweifel geplagten hochbegabten Dichter zeigt, der am Ende konstatiert: "Verzweiflung tut not / Der Zweifel, ob das das Leben sei, wird zur Verzweiflung, wenn wir erkennen, daß wir an dem Leben vorbeigelebt haben ..." Zweifel, gepaart mit leiser Melancholie, spricht auch aus den 25 ausgewählten Gedichten, die Dwars jetzt als ersten Band einer neuen Editionsreihe im quartus- Verlag herausgegeben hat. Die Auswahl zeigt einen unbekannten Becher: einen Poeten, der sich von billiger Hoffnung lossagt und im Eingedenken der eigenen Vergänglichkeit das Bleibende zur Sprache bringt. Es sind lebensbejahende Verse, wunderbare Natur- und Liebesgedichte, in denen das Ich zu sich selber findet. "Nur einmal ist mein Leben, nur einmal, / Erkennend dies, muß ich tief Atem holen -"
Entstanden sind die Texte zwischen 1946 und 1950 an der Ostseeküste in Ahrenshoop, dem Fischerdorf auf dem Darß, das durch Becher und den von ihm gegründeten Kulturbund ein Rückzugsort für DDR-Künstler blieb. Dwars hat seinen Anteil vom zweiten Grimme-Preis, den er in diesem Jahr für ein Filmprojekt - wieder mit Ulrich Kasten - über Peter Weiss erhielt, in den Band "Wolkenloser Sturm. Ahrenshooper Gedichte" gesteckt. Es handelt sich um die erste geschlossene Buchauswahl von Becher-Texten seit 1983, als der Band "Der Aufstand im Menschen" aufhorchen ließ. "Der Lyriker Becher scheint mausetot; insofern ist meine Gedichtauswahl das erste Lebenszeichen von ihm seit zwanzig Jahren", meint Jens-Fietje Dwars.
Die "Ahrenshooper Gedichte" sind in einer einmaligen Auflage von 750 Exemplaren erschienen, in japanischer Blockbindung, mit Fotografien und einem Nachwort des Herausgebers. Das Erscheinungsbild der Edition Ornament erinnert an die DDR-Ausgabe von Stephan Hermlins "Abendlicht". Dies sei so gewollt versichert Dwars, der den Buchmarkt mit "schönen Bänden, die noch erschwinglich sind", bereichern möchte. Die Reihe soll mit Schiller-Parodien, Zeugnissen über die Schlacht bei Jena-Auerstedt 1806 sowie einer "Zarathustra"-Ausgabe mit Ornamenten von Henry van de Velde fortgeführt werden.

Johannes R. Becher: Wolkenloser Sturm. Ahrenshooper Gedichte. Edition Ornament Bd. 1, mit Fotogr. u. einem Nachwort von Jens-F. Dwars, quartus-Verlag, Bucha bei Jena, 63 S., 14.80 Euro