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24.12.2005

Wie Paul zum Fest einen Großvater bekam

von Verena Zeltner TLZ

Der alte Mann war müde. Er saß am Fenster und schaute zu, wie der Wind die Schneeflocken tanzen ließ. Doch er konnte sich nicht darüber freuen. Eigentlich konnte er sich an gar nichts mehr freuen. Seine Welt war schon so lange kalt und einsam ... Aber es gab auch kaum etwas, das er fürchtete. Nicht einmal das Weihnachtsfest, das vor der Tür stand.

Mühsam erhob er sich. Er bückte sich nach der Tüte mit den Sonnenblumenkernen und öffnete die Tür. Als er vor dem Vogelhaus stand, hörte er hinter seinem Rücken eine helle Stimme: "Lässt du mich das machen, Großvater? Bitte!"

Er drehte sich um. Vor ihm stand ein kleiner Junge mit einer bunten Pudelmütze und einem dicken Schal. Auf dem Rücken trug er einen kleinen Rucksack, aus dem ein Teddybär mit abgewetzten Fell herausschaute. Aus dem vor Kälte geröteten Gesicht strahlten ihn ein paar blaue Augen an.

Der Alte schüttelte den Kopf. Sein Haus war abseits gelegen, direkt am Waldrand. Wie hatte sich das Kind hierher verirrt? Er fragte: "Wo kommst du her?"

"Ich wohne da unten am Hang, in dem kleinen Haus mit den grünen Fenstern. Kannst du es von hier aus sehen? Wir sind schon vor zwei Wochen dort eingezogen, Mama, Papa, Klara und ich. Klara ist unser Baby, musst du wissen."

"Soso", murmelte der alte Mann und fragte dann: "Und was willst du hier?"

"Das verrate ich dir, wenn du mich die Vögel füttern lässt!"

"Du bist zu klein", antwortete der Alte.

"Bin ich nicht! Du kannst mich ja hochheben", sagte der Junge.

Der Alte sah ein, dass er keine andere Wahl hatte. Er reichte ihm die Tüte mit dem Vogelfutter und hob ihn hoch. "Du hast mich noch gar nicht gefragt, wie ich heiße", sagte der Junge, während er die Sonnenblumenkerne in das Futterhäuschen streute.

"Dann frage ich dich jetzt", sagte der Alte.

Der Junge antwortete: "Ich heiße Paul, Großvater."

Einen Großvater braucht man immer

"Paul", wiederholte der Alte und setzte hinzu: "Ich bin nicht dein Großvater, Paul."

"Stimmt", sagte der Junge. "Aber du könntest es sein! Weißt du, ich suche schon lange einen Großvater. Und jetzt brauche ich ihn besonders dringend. Weil Mama so viel mit Klara zu tun hat und Papa immer arbeiten muss."

Weil der alte Mann schwieg, sprach der kleine Paul weiter: "Ich habe mir nun einen Großvater vom Weihnachtsmann gewünscht. Aber ich weiß nicht, ob man sich auf ihn verlassen kann. Er hat so viel zu tun, sagt Mama ..."

Als der Alte immer noch nichts sagte, fuhr Paul fort: "Stell´ dir doch bloß mal vor, was passiert, wenn sich zehn Kinder einen Großvater zu Weihnachten wünschen! Ich glaube nicht, dass der Weihnachtsmann so viele Großväter hat."

"Das kann ich mir auch nicht vorstellen", antwortete der alte Mann und lachte. Erstaunt hielt er inne. Er konnte sich nicht erinnern, wann er das letzte Mal gelacht hatte.

"Siehst du", sagte Paul, "deshalb kann es nicht schaden, wenn ich dem Weihnachtsmann suchen helfe. Dann hat er es nicht so schwer mit meinem Wunsch."

"Wozu brauchst du eigentlich einen Großvater, Paul?" fragte der alte Mann.

Der Junge antwortete: "Einen Großvater braucht man für ganz viele Dinge. Großväter haben immer Zeit. Mein Freund Benjamin hat es gut. Im Sommer nimmt ihn sein Großvater mit zum Angeln. Im Winter geht er mit ihm auf die Schlittenbahn. Sie gehen auch Eis essen und ins Kino. Und dann hat er sogar noch einen Hund, den führen sie zusammen aus ... Hast du einen Hund, Großvater?"

Der alte Mann schüttelte den Kopf.

"Schade. Trotzdem bist du bestimmt ein prima Großvater."

"Meinst du? Und wie kommst du gerade auf mich?" Der Alte unterdrückte ein Lächeln.

"Du bist genau so, wie ich mir meinen Großvater vorstelle. Ich habe dich vorige Woche schon einmal gesehen, als ich mit Mama und Klara spazieren gegangen bin. Da hast du auch gerade die Vögel gefüttert. Ich musste helfen, den Kinderwagen zu schieben, sonst wäre ich gleich zu dir gekommen und hätte dich gefragt, ob du mein Großvater sein willst."

Jetzt musste der alte Mann lachen. "So ist das also."

"Ja, ganz einfach, nicht wahr? Aber jetzt muss ich nach Hause. Am Nachmittag komme ich wieder. Wir könnten zusammen in den Wald gehen und die Tiere füttern. Ich habe Kastanien gesammelt, eine ganze Kiste voll. Hast du am Nachmittag Zeit, Großvater?"

Der Alte nickte. Zeit hatte er mehr als ihm lieb war. Tiere füttern ... warum eigentlich nicht?

Paul hatte es mit einem Mal sehr eilig. "Dann muss ich noch meinen Rucksack packen", sagte er und rannte davon.

Der alte Mann ertappte sich dabei, dass er auf den Nachmittag wartete. Er schalt sich einen Dummkopf. Tiere füttern ... wer weiß, ob der Junge wiederkommen würde ... Trotzdem lief er in die Scheune, um einen Korb Heu zu holen. Als er zurückkam, stand der kleine Paul schon vor der Tür. Er schleppte schwer an seinem Rucksack. Den Teddy hatte er diesmal zu Hause gelassen.

Der Weg zur Futterkrippe war nicht weit. Schon oft war der alte Mann diesen Weg gegangen. Heute ging er ihn zum ersten Mal nicht allein.

Paul zupfte ihn am Ärmel und flüsterte: "Ich weiß, dass man leise sein muss, um die Tiere nicht zu erschrecken. Außerdem ist der Weihnachtsmann schon unterwegs, hat Mama gesagt. Auch wenn er erst morgen die Geschenke bringt."

So sprachen sie nicht viel. Sie füllten die Futterkrippe mit Kastanien und Heu. "Damit die Tiere sich zu Weihnachten freuen können", flüsterte Paul. "Bestimmt hat der Weihnachtsmann auch deshalb die Bäume so schön gemacht. Sie sehen aus, als ob er Puderzucker draufgestreut hätte."

Als er sich verabschiedete, fragte er: "Was wünschst du dir eigentlich vom Weihnachtsmann, Großvater?"

Der alte Mann zuckte die Schultern. "Nichts. Zu mir kommt kein Weihnachtsmann."

"Das glaube ich nicht", sagte der Junge. "Der Weihnachtsmann kommt zu jedem."

Der Alte Mann schüttelte den Kopf. "Geh´ jetzt, es wird schon dunkel." Er begleitete Paul bis nach Hause. Der Weg war nicht weit; sie hatten nur wenige Minuten zu laufen. "Morgen früh komme ich wieder und schmücke den Weihnachtsbaum mit dir", sagte der Junge zum Abschied.

"Ich habe keinen Weihnachtsbaum", sagte der Alte. Er drehte sich und stapfte davon. Dass der kleine Paul an diesem Abend bittere Tränen weinte und die halbe Nacht nicht schlafen konnte, davon ahnte er nichts.

Es ist für niemanden gut, allein zu sein

Am anderen Morgen wartete er auf den Jungen; doch Paul kam nicht. "Was will er auch bei so einem Alten wie mir", spottete er über sich selbst. Trotzdem tat es weh. Er versuchte sich zu beschäftigen, um sich von seinen trüben Gedanken abzulenken. Am Nachmittag machte er sich noch einmal auf den Weg zur Futterkrippe.

Als er zurückkam, stand der kleine Paul vor seiner Haustür. Doch er war nicht allein. "Wir haben uns schon Sorgen um dich gemacht, Großvater", sagte der Junge. "Mama und Papa wollen dich kennen lernen und dich etwas fragen. Das Baby im Kinderwagen ist meine Schwester Klara, aber das kannst du dir sicher denken."

"Ja", sagte Pauls Papa, "wir würden uns freuen, wenn Pauls Weihnachtswunsch in Erfüllung ginge - Sie wissen ja, dass er sich einen Großvater wünscht."

Pauls Mama nickte. "Wir möchten Sie bitten, das Fest gemeinsam mit uns zu feiern. Sie sind herzlich eingeladen. Bitte sagen Sie nicht nein; es ist für keinen gut, allein zu sein. Außerdem: Ein Großvater gehört nun mal mit zur Familie."

"Wir haben den schönsten Weihnachtsbaum der Welt, Großvater! Den musst du einfach sehen!" rief Paul. "Er ist noch viel schöner als die weißen Bäume draußen im Wald."

Der alte Mann öffnete den Mund, aber seine Stimme wollte ihm nicht gehorchen. "Wann soll die Feier losgehen?" fragte er endlich.

"Jetzt gleich", antwortete der Junge. "Komm, wir müssen uns beeilen, damit wir den Weihnachtsmann nicht verpassen! Der wird vielleicht staunen, wenn er sieht, dass mein Weihnachtsgroßvater schon da ist!"

"Also gut. In fünf Minuten bin ich fertig."

Es dauerte wirklich nicht länger als fünf Minuten, bis sich der kleine Zug in Bewegung setzte. Papa schob den Kinderwagen. Dahinter, neben der Mama, ging der kleine Paul. Er nahm die Hand seines Weihnachtsgroßvaters und ließ sie nicht wieder los.

i Verena Zeltner ist Kinderbuchautorin und lebt in Neustadt an der Orla. Zuletzt erschienen ihre Bücher "Max und Tippitu" (Turmhut-Verlag) und "Lalu", die Geschichte vom Hexenjungen, der nicht mehr hexen konnte (Thami-Verlag).