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12.05.2006

Wie Jugendliche Gewalt empfinden

von Frank Quilitzsch TLZ

Suhl. (tlz) "Bücher aus dem Feuer" lautete das Motto, unter dem das Thüringer Literatur Quintett (TLQ) am Mittwoch Abend in der Suhler Stadtbibliothek an die nationalsozialistische Bücherverbrennung vor 73 Jahren erinnerte. Zugleich setzten die Mitglieder des stets für einen sozialen Zweck auftretenden Autorenkollektivs ein Zeichen gegen Gewalt und Intoleranz in der Region.
"Wir wollen diese Veranstaltung nutzen, um für ein thüringenweites Projekt zu werben", erklärte stellvertretend für alle der Schriftsteller Landolf Scherzer. "Es soll ein Buch entstehen, in dem Thüringer Jugendliche schildern, wie sie im Alltag Gewalt erleben und empfinden und wie sie damit umgehen." Hinter dem Vorhaben steht der Thüringer Verband Deutscher Schriftsteller. Auf welche Weise es realisiert wird, ob über einen Schreibwettbewerb oder durch spezielle Projekte an Thüringer Schulen, darüber wird unter den professionellen Autoren noch diskutiert.

Es sei notwendig, nachfolgende Generationen nicht nur über die dunklen Kapitel deutscher Geschichte aufzuklären, sondern sie auch anzuregen, sich mit den unterschiedlichsten Formen und Spielarten von Gewalt in der Gegenwart auseinanderzusetzen, sind die Mitglieder des Literatur-Quintetts überzeugt. Am 10. Mai 1933 wurde der fortschrittliche Geist aus deutschen Universitäten und Bibliotheken verbannt und symbolisch den Flammen übergeben. So etwas dürfe sich nie wiederholen.

Viele, darunter etliche junge Leute, waren zu der TLQ- Lesung in Suhl gekommen, sicherlich auch um zu erfahren, welchen Autoren das Quintett stellvertretend für all jene, deren Werke damals auf den Index gesetzt wurden, ihre Stimme leihen würden. Aufrüttelndes und Warnendes von Erich Kästner und Kurt Tucholsky war zu hören, ausgewählt und vorgetragen von Landolf Scherzer und Matthias Biskupek. Martin Straub las Kurzprosa von Anna Seghers, in der die aus Deutschland über Frankreich nach Mexiko geflohene Erzählerin über die Folgen von Furcht und Isolation reflektiert. Hans-Jürgen Döring hatte Gedichte von mehreren "verbrannten" Dichtern ausgewählt, darunter von Else Lasker-Schüler und Selma Meerbaum-Eichinger, die mit 18 Jahren in einem deutschen Arbeitslager starb. Der als Gast im TLQ mitwirkende Suhler Veranstaltungsmanager Henrik Neukirchner las Briefe einer unbekannten Jüdin, die 1943 von den Nazis umgebracht wurde. Und das fünfte TLQ-Mitglied erinnerte an den Österreicher Poeten Theodor Kramer, einen Sänger der Dörfler, Subproletarier und aller Ausgegrenzten.

Auch wenn jeweils noch eigene Texte zu Gehör gebracht wurden - Lyrik, Prosa sowie Auszüge aus Essays und Reportagen - und der Abend mit einem heiteren Bekenntnis zum Leben ausklang, das Gedenken an die Verfemten und Ermordeten stand im Vordergrund. Mit 200 Euro legte das Quintett den Grundstock für das künftige "Buch gegen Gewalt", das Südthüringer Publikum spendete weitere 104 Euro für diesen Zweck.