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30.10.2008

Wie halten Sie es mit der Utopie?

von Frank Quilitzsch TLZ

Jena. (tlz/fqu) Die Wissenschaftler haben die Erde gründlich vermessen. Und die Dichter? Was leisten sie? Können sie wenigstens den Menschen bessern? Wie gehen Schriftsteller mit Alltag und Geschichte um? Was bringen sie ein ins kollektive Gedächtnis? Wie halten sie es mit der Utopie? Brisante Fragen, die der Lese-Zeichen e.V. und die Ernst-Abbe-Bücherei in den Mittelpunkt des 14. Jenaer Lesemarathons rücken, der unter dem Daniel Kehlmann-Motto "Weltvermesser" vom 2. bis 13. November über die Bühne geht.
Die Schriftstellerin Irina Liebmann, die eine Biografie über ihren Vater, den in der DDR in Ungnade gefallenen Kommunisten Rodolf Herrnstadt geschrieben hat (12. 11.), der mit seinen Erinnerungen "Abenteuer Menschlichkeit" bewegende Menschenrechts-Aktivist Rupert Neudeck (3. 11.) oder die Weimarer Dichterin Gisela Kraft (6. 11.), deren Übertragung des lyrischen Werks von Nazim Hikmet große Aufmerksamkeit findet, werden darauf Antworten geben.

Ob Literatur die Welt tatsächlich verändern kann, darüber diskutiert am 7. November der Theologe und DDR-Bürgerrechtler Friedrich Schorlemmer mit dem Mediziner Hans-Dieter Göring am Beispiel der Dichtungen Bertolt Brechts und Gottfried Benns. Benn hat diese Frage in einem Radiointerview 1930 und auch später kategorisch mit Nein beantwortet und gerät damit in die Rolle des Antipoden zu Brecht, der sein Schreiben als "eingreifendes Denken" verstand und an eine humanistische Umgestaltung der Verhältnisse glaubte. Das Gespräch wird multimedial mit Auszügen aus der "Dreigroschenoper" und weiteren Originalaufnahmen eingeleitet und von dem Literaturwissenschaftler Felix Leibrock moderiert.

Zweifellos gehört auch der Fernsehjournalist Franz Alt in den Kanon der Weltvermesser. Dessen Buch "Sonnige Aussichten - Wenn Klimaschutz zum Gewinn für alle wird" beschäftigt sich mit Voraussetzungen, unter denen eine drohende Klimakatastrophe vielleicht noch abgewendet werden könnte (13. 11.). Oder der Ex-Leistungssportler Felix Bernhard, der seit seinem Motorradunfall vor 13 Jahren querschnittsgelähmt ist. Er hat sich selber überwunden, sein Leben wieder in den Griff bekommen und bereits drei Mal als Pilger den Jakobsweg zurückgelegt - allein und im Rollstuhl.

Wie schon in den letzten Jahren bietet auch der 14. Lesemarathon ein breites Angebot für verschiedene Altersgruppen. Da kommen mit Heidrun Jänchen Science-Fiction-Fans ebenso auf ihre Kosten (11. 11.) wie Freunde der TV-Unterhaltung, denen der Ferensehmoderator Mario D. Richardt einen Spiegel vorhalten will (10. 11.). Das Literarische Quintett des Lesehallenvereins diskutiert aktuelle Bücher 8. 11.). Es gibt eine Ausstellung mit Porträts vom Saale-Ufer von Gerlinde Böhnisch-Metzmacher (Vernissage 5. 11.). Für den Synchronsprecher Christian Brückner, der u. a. Alain Delon, Marlon Brando und Robert de Niro seine Stimme lieh, ist der große Volkshaussaal reserviert. Brückner wird aus "Brokeback Mountain" von Annie Proulx vortragen (4. 11.).

Eröffnet wird die Lesereihe an diesem Sonntag mit den Bekenntnissen des Weimarer Faust, Thomas Thieme. TLZ-Kulturredakteur Frank Quilitzsch hat den bekannten Theater- und Filmschauspieler acht Jahre am Telefon befragt, und das Buch "Ich Faust" wurde soeben mit großem Erfolg in der Klassikstadt vorgestellt. In Jena werden die beiden heitere Auszüge lesen und dann zum Live-Gespräch übergehen. "Gibt es ein Leben nach dem Faust?" - unter dieser Frage wird es sich u. a. um Thiemes jüngste Filmrollen als Helmut Kohl, Schwiegersohn von Krupp, Vater von Effi Briest oder Hitlers Reichssportführer drehen. Auch Thiemes Erlebnisse nach der Ausreise aus der DDR und seine Theaterarbeit in Frankfurt/Main und Wien könnten eine Rolle spielen.

@ www.stadtbibliothek.jena.de