Presse - Details

 
09.04.2010

Wie Grenzgänger Landolf Scherzer seine Wette gewann

von Frank Quilitzsch TLZ

"Verzeihung, der Herr, in Ihrem Alter." Klar, dass der ungarische Kellner den damals 67-jährigen Deutschen skeptisch beäugt, als der ihn um eine Geländekarte bittet, weil er durch Osteuropa laufen will. In Sandalen und nur mit einer Kraxe auf dem Buckel! Erfurt. "

So beginnt Landolf Scherzers Schilderung eines Fußmarsches über fünfhundert Kilometer, der ihn in viereinhalb Wochen quer durch Ungarn, Kroatien, Serbien und Rumänien führte, nachzulesen in dem bei Aufbau erschienenen Buch "Immer geradeaus - Zu Fuß durch Europas Osten". Jüngst eilte der in Südthüringen beheimatete und jetzt in Erfurt lebende Autor von Lesung zu Lesung und von Studio zu Studio, wo er in Fernseh-Talk-Shows über das Erlebte Auskunft gab. Das sei, so Scherzer, fast so anstrengend gewesen wie der Gewaltmarsch selber.

Zu Fuß bis nach Rumänien - nein, das war so nicht geplant gewesen. Diesmal wollte der "Grenz-Gänger", der 2005 den ehemaligen innerdeutschen Grenzstreifen entlang gewandert war, um die Lebenssituation der Anwohner in Ost und West zu erkunden, gar nicht laufen, sondern fahren. Mit einem Gespann aus Traktor und Bastei-Wohnwagen - 5000 Kilometer weit. "Keine so gute Idee", wie er heute zugibt. Doch vor zwei Jahren war sie ihm nicht auszureden. Obwohl er den Rummel nicht liebte, den er mit dieser zirkusreifen Traktor-Nummer auslösen würde, hielt er an ihr fest und besorgte alle nötigen Grenz-Papiere. Denn ein Trecker gilt offiziell nicht als Fahrzeug, sondern als landwirtschaftliches Nutzgerät und darf nicht ohne weiteres in andere Länder eingeführt werden.

Scherzer wollte seinem Freund, dem Traktor-Freak Willi, einen Gefallen tun. Jenem Willi, mit dem er 1975 in einer Solidaritätsbrigade am Sambesi Häuser für moçambiquanische Bergleute gebaut hatte. Nun wollte Willi mit Scherzer wieder nach Afrika - auf seinem Trecker. Man einigte sich auf Osteuropa.

Zum Glück kam der Traktor nicht

1100 Kilometer von Thüringen entfernt, im südungarischen Kurort Harkány, wollten sie starten. Doch Willis Traktor kam nicht. Zu Scherzers Pech, denn seine Sachen befanden sich im Anhänger, und zu seinem Glück. Sonst wäre dieses wunderbare Buch, das von den Abenteuern an der Landstraße handelt, nicht entstanden.

Ursprünglich sollte es "Die Weinwette" heißen, denn der Kellner zu Harkány, der ein großer Béla Bartók-Verehrer ist, versprach zehn Flaschen "Erlauer Stierblut" für den Fall, dass der "alte Herr", also Scherzer, es tatsächlich schaffte, in fünf Wochen bis Sannicolau zu laufen. Zum Beweis sollte er von dort eine CD mitbringen, die es nur in der früher ungarischen, heute rumänischen Geburtststadt des Komponisten Bartók gibt. Doch der Verlag mochte die Wette nicht, er wollte einen reißerischen Titel. Offenbar dachte jemand an den Weimarer Abenteuerschriftsteller Harry Thürk, als er vorschlug: "Die Spur der toten Hunde".

Aber dagegen legte der Autor sein Veto ein. Zwar säumten tatsächlich viele Kadaver die stark von Brummis frequentierte Straße, doch hatte er sich ja nicht wegen der armen Hunde, sondern der im toten Winkel lebenden Menschen auf den Weg gemacht. Ohne die sportive Leistung schmälern zu wollen, darin liegt der eigentliche Gewinn des Gewaltmarsches: Landolf Scherzer hat unsere Nachbarn im toten Winkel besucht - den ungarischen Flurwächter, den rumänischen Fußballtrainer, den kroatischen Friedhofspfleger und den serbischen Familienvater, der durch NATO-Bomben seinen Sohn verlor. Er war im Banat unterwegs, wo sich Völker, Sprachen und Kulturen seit jeher mischen. Er hat bei Zigeunern übernachtet und sich für die Deutschen in Timisoara interessiert. Er hat zugehört und, wo er die Sprache nicht verstand, intensiver geschaut. Er ist nicht immer geradeaus gelaufen, sondern hat Umwege in Kauf genommen und gerade deswegen die Wette gewonnen. Respekt, der Herr. Mit diesen Schuhen!

Landolf Scherzer: Immer geradeaus. Zu Fuß durch Europas Osten. Aufbau-Verlag, 303 S., 19.95 Euro