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19.03.2005

'Wie gern wär' ich ein Lachs'

von Sabine Wagner Ostthüringer Zeitung

Als Pierre Radvanyi von einer Reise aus Kanada zurück kommt, erzählt er seiner hoch betagten Mutter vom Leben der Lachse. In einem Küstenfluss geboren, brechen sie zum Pazifik auf, durchqueren ihn und kehren nach Jahren an den Ort ihrer Geburt zurück, um hier zu sterben. "Wie gern wär´ ich ein Lachs", habe sie darauf gesagt. Und wie so oft die Antwort im Raum stehen lassen.

"Wir verstanden uns ohne viele Worte", beschreibt Pierre Radvanyi das Verhältnis zu seiner Mutter Anna Seghers (1900-1983). "Es war typisch für sie, Dinge nur anzudeuten. Für mich war dann klar, sie sind ihr besonders wichtig." Donnerstagabend las er in der Thalia Buchhandlung in Jenas Neuer Mitte aus seinem Buch "Jenseits des Stroms - Erinnerungen an meine Mutter."

Radvanyi, 1926 in Berlin geboren, ist Physiker. Er hat in Mexiko sein Abitur abgelegt, in Paris studiert, war Mitarbeiter von Fr-deric Joliot-Curie am Collège de France und folgt dem Wissenschaftler 1954 in die neuen Labors des Centre national de la recherche scientifique in Orsay. Heute lebt er dort als emeritierter Forschungsleiter.

Den Physiker kann der 78-Jährige in seinen Erinnerungen nicht leugnen. Und er will es auch nicht. Einer Chronik gleich lässte er die Lebensgeschichte einer der größten deutschen Erzählerinnen des 20. Jahrhunderts und ihrer Familie - seiner Familie - Revue passieren. Die Sätze sind klar strukturiert, stimmig, ohne schmückendes Beiwerk. "Ich bin Naturwissenschaftler", räumt er ein. "Ich will viele Dinge in so wenig Worte wie möglich bringen." Entsprechend schmal - 135 Seiten - ist das Büchlein.

Wenn er nüchterne Zahlen und Fakten verlässt, Geburtsdaten der Eltern und Großeltern etwa, die Aufzählung des großen Freundes- und Bekanntenkreises von Jorge Amado über Neruda und Kisch bis zu Brecht und Weigel, wenn er mit leisem Humor kleine Anekdoten und Begebenheiten schildert, dann gelingt ihm ein sehr intimer Blick, der den Leser fesselt.

Die Zuhörer in Jena erst recht. Er nimmt sie mit auf die Flucht vor den Nazis mit Mutter und Schwester nach Frankreich. Vater Rodi, der eigentlich Ladislas heißt und seine Frau zärtlich Tschibi (Küken) nennt, wird als Ungar zunächst interniert. Von der Kakerlaken-Wache in billigen Hotelzimmern erzählt er und vom zermürbenden Warten auf die Visa zur Ausreise nach Übersee. Die Familie landet in Mexiko, gemeinsam mit anderen Emigranten, die untereinander zerstritten sind. Einer der Gründe für Radvanyi, später nicht wie die Eltern und die Schwester in der DDR, sondern in Frankreich zu leben. Berührend sind seine Erinnerungen an die letzten Lebensjahre der Mutter, an ihre Ängste und Zweifel: "Findest du nicht, daß der Elan verlorengegangen ist", fragt sie ihn. Und wenige Monate vor ihrem Tod findet sie für sich die Antwort: "Ich bin nun sehr alt, deshalb will ich meinem Engagement und meinen Hoffnungen bis zuletzt treu bleiben..."

Anna Seghers hat nie gern über ihr Privatleben gesprochen. Alles was man über sie wissen müsse, stehe in ihren Büchern. Das stimmt so nicht ganz. Nach "Jenseits des Stroms" und nach diesem eindrucksvollen Abend in Jena, wird man ihre Bücher noch einmal lesen müssen. "Transit" zum Beispiel oder "Der Ausflug der toten Mädchen", die "Überfahrt" und ihre Erzählungen "Sonderbare Begegnungen".

Pierre Radvanyi: Jenseits des Stroms. Erinnerungen an meine Mutter Anna Seghers, Aufbau-Verlag, Berlin, 135 S. mit 18 Abb., 15.90 EuroPierre Radvanyi erinnert sich an seine Mutter Anna Seghers in Jena