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20.11.2008

'Wie Erwin nun mal ist'

von Frank Quilitzsch TLZ

Schulzenhof. (tlz) Seit Jahren warten die Leser auf einen Band mit Selbstauskünften von Eva Strittmatter. Das Buch, in dem sich die Lyrikerin mit ihrer Künstler-Ehe, dem schwierigen Zusammenleben mit dem Schriftsteller Erwin, auseinandersetzen wollte, war sogar schon im Katalog des Aufbau-Verlags angekündigt. Erschienen ist es bis heute nicht. Vielleicht, weil es der Autorin unendlich schwer fällt, in dieser ihr ganzes Leben bestimmenden Beziehung die für eine kritische Betrachtung notwendige Distanz aufzubauen.
"Ich war lange davon ausgegangen, dass Erwin mein Leben völlig dominiert und strukturiert habe", äußerte sie sich 2002 im TLZ-Interview. "Heute weiß ich, dass meine Arbeit neben seiner einen selbständigen Wert hat." Ihre Arbeit an dem Erinnerungsbuch wurde immer wieder durch Herausgaben von Texten aus dem Nachlass und von schwerer Krankheit unterbrochen. Sie wolle sich dem Thema noch einmal von einem anderen Ansatz nähern, erklärte sie zu ihrem 75. Geburtstag vor drei Jahren. Obwohl sich Eva Strittmatter des öfteren in Interviews dazu geäußert hat, war ein Gesprächsbuch nicht geplant. Nun ist es da - wie aus heiterem Himmel. Eine 220 Seiten lange Unterhaltung zwischen zwei Frauen, aufgezeichnet im Frühsommer dieses Jahres von Irmtraud Gutschke.

In "Leib und Leben" erzählt Eva Strittmatter, geborene Braun, sehr freimütig von ihren persönlichen Erschütterungen. Als Leser wird man mitgenommen auf eine Erinnerungsreise, die nicht erst bei der Begegnung mit dem achtzehn Jahre älteren Erwin beginnt und auch nicht nach dessen Tod 1994 endet. Die Literaturredakteurin des Neuen Deutschland ist mit dem Ansinnen, dieses Buch zu machen, an Eva Strittmatter herangetreten und hat sich mehrmals für ein paar Tage in Schulzenhof einquartiert. Das vertraute Du, das den Dialog von der ersten Frage an einfärbt, korrespondiert mit dem für ein solches Unterfangen erstaunlichen Bekenntnis: "Zur distanzierten Interviewerin eigne ich mich nicht."

Auf "größere Nähe" wolle sie hinaus, "eine andere Biografie durchdenken und dadurch das Leben überhaupt - auch meines - tiefer verstehen", schreibt Gutschke im Vorwort. Diese Formulierungen haben einen naiven Beigeschmack. Zweifellos gelingt es ihr, die Dichterin durch direkte und einfühlsame Fragen aufzuschließen und Hemmschwellen abzubauen, so dass der Erinnerungsstrom nahezu ungehindert fließt: "Aber wie Erwin nun mal ist ..."

Ehefrau, Bäuerin, Mutter und Dichterin

Man erfährt, wie die junge Eva Braun als freie Mitarbeiterin im Berliner Büro des Schriftstellerverbandes den Verfasser des "Ochsenkutscher" kennenlernt und vergeblich versucht, ihn von einer Veröffentlichung des künstlerisch schwachen Erzählungsbandes "Eine Mauer fällt" - "Agitationstexte eben" - abzubringen. Wie sie Erwin widerstrebend aus der Hauptstadt auf das abgelegene Gehöft folgt, wo sie nach seiner Vorstellung die Rolle der Bäuerin, Mutter, Hausfrau und persönlichen Sekretärin ausfüllen soll. Wie es ihr gelingt, sich Stück für Stück zu emanzipieren - als Frau und als Dichterin -, und doch immer wieder bereit ist nachzugeben, wenn es hart auf hart kommt, um die Ehe zu retten, und wie sie ihre Kompromissfähigkeit später in seinen Tagebüchern reflektiert findet: "Das Gute an Eva ist, in dem Moment wo ich Schwierigkeiten habe, lässt sie sofort alles fallen, was sie in der Hand hat und wendet sich meinen Sachen zu."

Ihr jahrzehntelanger Anteil am Gelingen des Strittmatterschen Werks - auch dadurch, dass sie ihm im Alltag den Rücken frei gehalten hat - wird durch etliche Beispiele belegt: "Ich war so bezaubert und so vergnügt an seiner literarischen Existenz." Andererseits diese grotesk anmutende Äußerung: "Wenn ich nicht immer um Verzeihung gebeten hätte für das, was er mir angetan hat, wären wir schon vor Jahrzehnten auseinandergeprellt."

Statt die Tendenz zur Offenherzigkeit einzudämmen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, will die Interviewerin es noch genauer wissen: Wie es mit Erwins Frauengeschichten war, wie die Gattin und die Söhne darunter zu leiden hatten. Klar, dass es unter der breiten Leserschaft auch ein voyeuristisches Interesse gibt. Aber muss man es derart fahrlässig bedienen? Indem man Episoden stehen lässt, die nimmer an die Öffentlichkeit gehören.

Es gibt die moralische Pflicht des Interviewers, den Interviewten auch vor sich selbst zu schützen. Gutschke spürt sie nicht. Es mag ja erhellend für Erwin Strittmatters Charakter und die eine oder andere Figur in seinen Texten sein, dass er Beziehungen zu mehreren Frauen gleichzeitig pflegte, aber muss man das im Detail alles wissen? Immer wieder rächt sich das zu intimen Äußerungen verführende, da auf Gleichgestimmtheit beruhende Du: "Du glaubst nicht, was für ein antikes Drama sich in jenen Jahren 1983, ´84 abgespielt hat. Da war er wie irre ..." Und dass eine Lyrikerin Gedichtbände wie "Der Schöne (Obsession)", "Liebe und Hass" oder "Der Winter nach der schlimmen Liebe" nicht aus bloßer Unschuld schöpfte, kann man sich denken. Gutschke will es genau wissen: "Aber hat er denn von dir alles gewusst?" Natürlich nicht - siehe Seite soundso.

Nicht, dass die Lektüre kein Vergnügen bereitet. Wer sich für den Kosmos der Strittmatters interessiert, erfährt eine Menge über das Zusammenleben, über beider Arbeitsprozess und deren Verhältnis zur Natur. Schön sind Evas Ausführungen zu ihrer Poetik und über die Entstehung einzelner Gedichte. In Anekdoten wird ein Stück DDR-Alltag und -Literaturgeschichte lebendig. Was die jüngst unterstellte SS-Zugehörigkeit ihres Mannes betrifft, rät sie zur Besonnenheit: "Tatsachen und Mutmaßungen" würden vermischt.

i Irmtraud Gutschke: Eva Strittmatter. Leib und Leben. Das Neue Berlin, 224 S. mit zahlr. Abb., 16.90 Euro