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28.08.2009

Wie eine Landung Außerirdischer

von Mario Keim Ostthüringer Zeitung

Erinnerungen an Punk in Thüringen bei Lesung im Neustädter Exil-Café

Ihre Namen waren "Antje und die Verlierer , "Gefahrenzone , "Timur und sein Trupp und "Die Fantastischen Frisöre , ihr Programm war Punk. Auch in Thüringen gab es Bands, die sich der Musik der englischen Vorbilder "Sex Pistols angenommen hatten und diese Form der Provokation zelebrierten.
Wie Punk in Thüringen funktionierte, erkundete jüngst die studierte Kultur- und Kunstwissenschaftlerin Anne Hahn. Das Buch "Pogo im Bratwurstland - Punk in Thüringen ist in diesem Jahr in einer Schriftenreihe bei der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen erschienen. Zum Auftakt einer Lesereise durch einige Städte Thüringens gastierte die 43-jährige Berlinerin am Dienstagabend im Café Exil des Neustädter Freizeitzentrums. Eingeladen zu der Veranstaltung mit knapp 30 Besuchern hatte die Stadtbibliothek Neustadt, die in Kooperation mit dem Exil und der Landeszentrale den Abend organisierte. Eine Überraschung war der zweite Vortragende: Hinter Montezuma Sauerbier, der mehrere Anekdoten über Punk in dem Buch beigesteuert hatte, steckt der erste Raniser Stadtschreiber York Sauerbier, im bürgerlichen Leben verheiratet als Jörg Dietrich.

Hahn und Dietrich gestalteten eine kurzweilige Stunde, indem sie abwechselnd aus dem Buch vorlasen. Untermalt wurde die Lesung mit einer Dia-Show und Fotos aus dem erwähnten Band.

Anne Hahn, die bis 1989 selbst Konzerte organisiert hatte, untersuchte die Punkbewegung im Rahmen einer Studie und traf mit Zeitzeugen auch auf Vorurteile. Dabei kam sie zu der Erkenntnis: "Die Punkbewegung war nur mit der Landung Außerirdischer zu vergleichen. Musiker und Konzertbesucher suchten schon zu Beginn Schutz in der offenen Jugendarbeit der Kirche und trafen sich nicht nur in Erfurt, Gera und Jena, sondern auch in kleineren Städten wie Rudolstadt, Hermsdorf und Eisenberg. Erst gegen Ende der 1980er Jahre war eine Art Umarmung dieser Subkultur durch die "Organe des sozialistischen Staates" auszumachen.

"Als Gipfel der medialen Umarmung kann der abendfüllende Dokumentarfilm ´Flüstern und Schreien´ gesehen werden, der im Oktober 1988 seine Premiere hatte , schreibt Hahn. Darin wird der Alltag von vier Bands dokumentiert, darunter sind neben Silly und Chicoree mit Feeling B und Sandow auch zwei Punkbands, die als heimliche Helden des Films gelten.

"Punk ist nicht mehr existent, aber nicht vergessen , sagte Alexandra Junge, die Leiterin der Stadtbibliothek Neustadt, und erinnerte zugleich an einen Ausspruch des Sängers der Sex Pistols, Johnny Rotten, der 1996 den Punk als längst vergessen beschwor. "Blicke zurück sind notwendig, um Standpunkte zu erörtern , sagte Junge und freute sich über das rege Interesse an der Problematik bei den Besuchern der Lesung am Dienstag.

Der Krawall, den die Punks in der DDR veranstalteten, währte genau zehn Jahre, von 1979 bis 1989. Vielleicht führten sie nicht den Zusammenbruch des Staates herbei, aber sie erzeugten eine nervöse Balance des Systems, die 1989 nicht mehr zu halten war. Welchen Einfluss und welche Repressalien die junge Bewegung der Punk-Kultur in der DDR und speziell in Thüringen erlebte und bewirkte, wird in der bebilderten Studie von Anne Hahn erzählt.