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25.09.2013

Wie ein Erfurter Informatiker Märchenerzähler wurde

von Maik Ehrlich TLZ

Andreas vom Rothenbarth ist Märchenerzähler. Für den studierten Informatiker ist der Beruf mittlerweile eine Herzensangelegenheit geworden. Foto: Maik Ehrlich

"Ich wünsche mir, dass ich überflüssig wäre, weil Märchenerzählen etwas Selbstverständliches ist. Aber das Gegenteil ist der Fall. Diese Zeit hat Märchenerzähler immer nötiger", sagt Andreas vom Rothenbarth und streicht mit der Hand durch seinen langen, weißen Vollbart.

Erfurt. Als der Erfurter vor 20 Jahren mit dem Märchenerzählen begonnen hatte, schimmerte der Bart rötlich.

"Nun, einen etablierten Namen ändern, das wäre betriebswirtschaftlicher Unsinn", äußert Andreas vom Rothenbarth. Das Wort "betriebswirtschaftlich" spricht er mit gewissem Unbehagen aus. Sicher, Märchenerzählen ist sein Job. Damit verdient er seinen Lebensunterhalt. Aber Märchenerzählen ist nicht nur ein Job - es ist Aufgabe, Berufung, Herzensangelegenheit.

Werden Märchen in dieser ach so modernen Zeit überhaupt noch gebraucht? "Na klar. Das Miteinander geht verloren. Die Leute trauen den Worten nicht mehr, weil so viel gelogen wird. Ich muss die Lanze brechen, damit die Leute wieder glauben, dass Worte stimmen", erzählt Andreas vom Ro­thenbarth und ergänzt: "Märchen sind kein Kinderkram, sondern uraltes Kulturgut. Märchen haben die Aufgabe, kulturelle Identitäten weiterzugeben.

Nach der politischen Wende stürzte sich der studierte Di­plom-Informatiker in die Selbstständigkeit. Damals noch unter einem anderen, bürgerlichen Namen arbeitete er täglich bis zu 16 Stunden. Er lernte die Grenzen der modernen Informationstechnologien kennen und besann sich immer mehr auf die ursprüngliche Form der Kommunikation - auf das Erzählen von Märchen.

Russische, skandinavische und chinesische Märchen

Als jüngstes unter insgesamt sieben Kindern in der Peterborn-Siedlung aufgewachsen, kam er früh in den Genuss einer wahren Erzählkultur. Vor zehn Jahren beschloss Andreas vom Ro­thenbarth schließlich, dass die Welt Märchen nötiger hat als Computer und konzentrierte sich fortan nur noch auf das Erzählen von Märchen: Märchen der Gebrüder Grimm, aber auch russische, skandinavische oder chinesische Märchen. Deutschlandweit, aber hauptsächlich in der Thüringer Heimat.

Zuhörer sind Kinder, pubertierende Jugendliche, nach dem Sinn suchende Erwachsene und sich an die Kindheit erinnernde Rentner. "Während der Umbrüche im Leben können Märchen Lösungsansätze bieten", meint Andreas vom Rothenbarth, bei dem schon Finanzdienstleister auf dem Teppich im Märchenzelt während des Zuhörens in Tränen ausgebrochen sind. Die großen Bühnen sind nichts für Andreas vom Rothenbarth. Der 56-Jährige bevorzugt kleine Runden. Man sitzt im Kreis. Man schaut sich in die Augen. Ein Feuer knistert oder ein Bächlein plätschert.

Für die Erfurter Puffbohne, die seit ein paar Jahren auf einem Bauernhof vor den Toren der Stadt lebt, hat der Erfurter Weihnachtsmarkt eine besondere Bedeutung. Keinen hat er verpasst. Nun kommen Leute mit ihren Kindern zu ihm in den Märchenwald, die ihm selbst als Kind schon zugehört haben.

Auch daran merkt der glücklich verheiratete dreifache Vater und frischgebackene Großvater, wie schnell die Zeit vergeht. Ansonsten spielt Zeit für ihn keine große Rolle. Wenn jemand mal nicht gleich einen Termin bei ihm bekommt, wird er wie folgt getröstet: "Märchen erzähle ich noch in 50 Jahren."