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11.10.2002

Wie der Mielke-Konzern funktionierte: das Innenleben einer Diktatur

von Karg Ostthüringer Zeitung

Greiz (OTZ/Karg). Gut besucht war die Greizer Stadtbibliothek am Mittwochabend zur Veranstaltung mit Dr. Jens Gieseke, der sein Buch "Mielke-Konzern- Die Geschichte der Stasi 1945-1990" vorstellt.

Ein historisch sozialpsychologisches Sujet wird dabei sichtbar, das Innenleben einer Diktatur. Im Zentrum stehen Funktion, Wirkung und Wandel der Staatssicherheit. So spannt Gieseke den Bogen vom Hochstalinismus bis zu den Tagen des wiedervereinten Deutschlands.

Sachlich, nur auf überprüfbare Fakten gestützt, räumt er auch mit manchem Klischee auf. Dass jeder in der DDR bespitzelt hat, ist schlicht gesagt, unwahr. Jedoch entwickelte sich die Staatssicherheit gemessen an der Bevölkerungszahl zum größten geheimen Sicherheitsapparat der Welt. Zeitweilig kamen etwa ein Hauptamtlicher und zwei inoffizielle Mitarbeiter auf 180 Bürger. In allen osteuropäischen Ländern sei das Verhältnis geringer gewesen.

Auch die Aufgaben des MfS veränderten sich in diesem Zeitraum. Sei das in den 50er Jahren in hohem Maße eine klassische stalinistische Geheimpolizei gewesen, die im Dreischrittsystem "Verhaften, verhören, verurteilen" offensivais gesellschaftsgestaltendes Element agieren wollte, so hätte sich später diese Tätigkeit stärker auf die Ebene der Prävention verlagert, wobei die Staatssicherheit immer weniger öffentlich wurde, was sich in ihrem methodischen Vorgehen zeigte.
Ursache sind u.a. die Ostverträge, die Unterzeichnung des Gründlagenvertrages (1972). der KSZE-Akte in Helsinki (1975), die diplomatische Anerkennung der DDR von vielen Staaten - also veränderte gesellschaftliche Bedingungen.

Um Image-Schäden zu vermeiden. wurde die Opposition immer weniger durch Verhaftungen "in den Griff gebracht". Hier sind auch die zahlreichen Freikäufe von Oppositionellen zu sehen.

Und wer weiß schon, dass der Staatssicherheit seit 1983 aus ökonomischen Zwängen sogar weniger finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden konnten, was gewisse Signalwirkung ins Innere ihrer Strukturen brachte.

Gieseke spricht von den Schwierigkeiten, die man in diesem "Konzern" hatte, hier gar vom Vorhandensein einer "Tonnenideologie", wie sie sich auch in der Wirtschaft zeigte. Von den Problemen, die man mit den IM bekam, von zahlreichen Verweigerungen. die jedoch statistisch kaum belegbar sind, vom Gorbatschow-Syndrom.

Dann Fokussierung von Problemen in der Diskussion.

Worum handelt es sich bei der K1 ? Gab es zwei Gruppierungen innerhalb der Staatssicherheit? Ist es Mythos oder Wirklichkeit, dass die Stasi nach 1990 noch Zellen hatte, gewissermaßen als Überlebensordnung oder im verschwörerischen Sinn? - Hier sind keine konkreten Hinweise. Alles Quatsch, die Stasi ist den Ereignissen hinterhergelaufen .

Fortwirkende Strukturen im Sinne von geheimdienstlicher Tätigkeit gibt es nicht, wie der Verfassungsschutz bestätigt. - Sind andere Sicherheitsdienste mit der Stasi vergleichbar? Von den Quantitäten sicher nicht, in der praktischen Arbeit vielleicht, obwohl auch hier qualitative Unterschiede zutagetreten.

Was wird mit den Stasiakten? Nachdem der § 14 auf Vernichtung im Stasiunterlagengesetz gestrichen ist, werden sie der Forschung dienen, im Hinblick auf ihre psychologische Aussage vielleicht sogar auch für Anthropologen interessant sein.

Perspektivisch entwickeln sich die 178 Kilometer Aktenbestände sicherlich zu einem "normalen Archiv". Ab 2006 sind sie jedenfalls nicht mehr Grundlage der Oberprüfung von Personengruppen. Das Interesse an ihnen bleibt jedoch ungebrochen.

Gegenwärtig gibt es monatlich noch etwa 10000 Anträge auf persönliche Einsicht. Hatten Sie beim Schreiben Kontakte mit führenden MfS-Generälen? , wird Gieseke gefragt. " Nein, die haben sich verweigert." Könnte es sein, dass man Sie einmal bei Friedmann in einer Talk-Show zusammen mit einem MfS-General sieht? " Das sicher nicht", glaubt der Autor, denn hier steht die Frage, "wieviel Raum gibt man der Stasi zur Selbstdarstellung".

Eine sehr gelungene Veranstaltung, die Dr. Martin Straub {Lesezeichen e.V.) gekonnt moderierte. Ein Dank an die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen und die Greizer Bibliothek, die diese Veranstaltung ermöglichten.