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20.03.2003

Wie Büchermacher die Würde wahren

von Frank Quilitzsch TLZ

Leipzig. (tlz) Dreizehn Jahre nach der deutschen Vereinigung schreibt die Leipziger Buchmesse erstmals schwarze Zahlen, die Umsatzerwartung geht leicht nach oben, und die Buchhändler blicken wieder mit vorsichtigem Optimismus in die Zukunft. Doch freuen kann sich darüber heute, am ersten Messetag in Leipzig, niemand so recht. Der Irak-Konflikt dämpft die Stimmung; man denkt angestrengt darüber nach, wie man in den nächsten Tagen auf die Ereignisse am Golf reagieren soll. Die Messe werde den Literaten ein Forum bieten, angemessen auf den Krieg zu antworten, versicherte der Geschäftsführer Werner M. Dornscheidt gestern vor der Eröffnung.

Auch der Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Dieter Schormann, will dafür sorgen, dass sich zahlreiche der rund 1000 geplanten Veranstaltungen in ein Dialogforum zum Irak-Konflikt verwandeln. Heute Abend diskutieren z. B. Publizisten und Diplomaten in der Leipziger Peterskirche unter dem Titel "Amerika und der Rest der Welt". Am Freitag steht das Thema "Abschied von Amerika" im Mittelpunkt. Dass viele Verleger Titel über Saddam Hussein und George W. Bush in ihrem Sachbuchprogramm führen, versteht sich von selbst.

Die Leipziger Buchmesse ist Drehscheibe zwischen Ost und West und zeichnet sich gerade dadurch aus, dass sie ihre Pforten von Anfang an für Besucher offen hält. 2002 strömten 77 000 zu den Buchständen in den Glashallen und zu den Veranstaltungsorten in der Innenstadt. Beim Festival "Leipzig liest" treten bis Sonntag wieder über 750 Autoren auf, darunter namhafte Schriftsteller wie Günter Grass, Imre Kert-sz, Lenka Reinerova und Erich Loest. Ein so umfangreiches Begleitprogramm hat Frankfurt nicht zu bieten.

Liebe in den Zeiten des Golfkriegs?

Dennoch, die Ereignisse im Irak werfen ihre Schatten auf die Leipziger Events, die von einer Krimi-Session im Landgericht über eine Paternoster-Lesung im Rathaus bis zum Vortrag erotischer Gedichte im Gohliser Schlösschen reichen. Liebe in den Zeiten des Golfkrieges? Wie die für heute Abend angesetzte Fernseh-Gala zur Verleihung des Deutschen Bücherpreises über die Bühne geht, wird sich noch erweisen. Sicher wäre es das falsche Signal, die Highlights der Messe abzusagen, immerhin geht es darum, die Kultur des Lesens und der Kommunikation gegen jedweden Akt kriegerischer Gewalt zu verteidigen.

So sieht es auch der Thüringer Schriftsteller Landolf Scherzer. "Es reicht nicht, seine Unsicherheit und Betroffenheit zu zeigen, man muss seine Würde wahren", meint der Verfasser des Buches "Die Fremden". Der Buchaer Verleger Detlef Ignasiak, der für seinen quartus-Verlag hohe Standgebühren in Leipzig bezahlt hat, fragt sich: "Soll ich wegen des Krieges meinen Bücherstand zumachen?" Nein, das Geschäft muss weiter gehen. Die Show nicht unbedingt.

Tröstlich in dieser Hinsicht, dass nicht Dieter Bohlen, sondern Henning Mankell am höchsten in der Gunst der deutschen Leser steht. Der schwedische Krimiautor, der mit seinen zahlreichen Büchern Gesellschaftsanalyse leistet und schonungslos Kritik übt, wird heute Abend für seinen Roman "Die Rückkehr des Tanzlehrers" den Publikumspreis entgegen nehmen. Peter Härtling erhält den von Günter Grass gestalteten "Bücherbutt" für sein Lebenswerk.

Und was wäre die deutsche Buchbranche ohne einen Buchpreis zur Europäischen Verständigung? Die Auszeichnung wird am Sonntag an den belgischen Schriftsteller, Dramatiker und Regisseur Hugo Claus verliehen. In seinen Werken würden "die Abgründe der modernen Zivilisation auf all ihren Ebenen, die aus dem Inneren der Gesellschaft kommende Gewalt und die Heuchelei in der politischen Szene" entlarvt, urteilte die Jury. Den Anerkennungspreis erhält die in Berlin lebende Übersetzerin Barbara Antkowiak.