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18.10.2010

Wettrüsten mit Eierflip

von Annerose Kirchner

Die Thüringer Edition Muschelkalk wächst mit neuem Jahrgang auf über 30 Bände


Jedes Jahr, wenn es herbstelt, ist die Zeit der Edition Muschelkalk. Diese Buchreihe, herausgegeben von der Literarischen Gesellschaft Thüringen e. V. in Weimar, ist längst etabliert, obwohl sie wegen ihrer Einmaligkeit noch mehr Aufmerksamkeit über Landesgrenzen hinaus erfahren könnte. Sie gibt nicht nur etablierten Autoren, sondern auch Debütanten, die in Thüringen leben oder mit dem Freistaat verbunden sind, ein besonderes Podium. Und die einzelnen Bände in ihrer schlichten Aufmachung ? mit dem einprägsamen Logo einer fossilen Versteinerung ? stehen für die Vielfalt literarischer Stimmen und Genres: Lyrik, Prosa, Tagebuch, Reportage, Erinnerungen und Essay. Im vergangenen Jahr stand das Dreiergespann Landolf Scherzer, Marie-Elisabeth Lüdde und Wulf Kirsten für literarische Qualität. Kirsten spielt bei dieser Reihe ja keine  unerhebliche Rolle. Er war es, der 2000 den Grundstein legte mit seiner Thüringen-Bibliothek, die damals mit zehn Bänden noch im Hain-Verlag Rudolstadt erschien. Ab 2002 heißt der Herausgeber Kai Agthe, und die Bücher erscheinen seitdem im Wartburg Verlag Weimar in der Edition Muschelkalk. Nun liegen die Bände 31, 32 und 33 vor. Johannes Lange, 24, Gewinner beim jungen Literaturforum Hessen-Thüringen und Germanistikstudent in Jena, präsentiert sich als vielversprechender Erzähler. Sein Debüt „Wettrüsten mit Eierflip“ enthält neun Texte, in denen, so Herausgeber Kai Agthe, „ein Autor zu entdecken ist, der ein Gespür besitzt für den Zeitgeist“. Wie die Moderatoren abendlicher TV-Serien ihr Helfersyndrom ausleben, sei es beim Umbau eines vermüllten Hauses zu einem strahlenden Heim oder bei der Tilgung von Schulden, ist in der Satire „Robin Hood hilft nur den Armen“ nachzulesen. Beeindruckend „Der große Traum“ über einen Familienvater, der sich gegen den Widerstand seiner Familie unbedingt ein ganz bestimmtes Auto wünscht. „Ich schreibe zu viel Kurzes. Ich schreibe zu wenig Langes…“, meint Lutz Rathenow, 58. Er sollte Kurzes schreiben, denn hier liegt zweifellos seine Stärke, wie die Textauswahl in „Klick zum Glück“ verrät. Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler
aus Jena verarbeitet in „Als ich einmal Hakenkreuze malte“ Erinnerungen an seine Heimatstadt. Zwischen Jena und seiner Wahlheimat Berlin entfaltet der rührige Autor auch zahllose „Erinnerungsblitze“, die auf Stasi & Co. und deren Nachwirkungen („Ein Bewerbungsschreiben. August 2009“) aufmerksam machen, aber auch auf die „Kofferheule“ mit Westsender. Über die skurrilen Akteure Herr Grell und Herr Pe möchte man gerne mehr lesen.
Als Gisela Kraft nach schwerer Krankheit Anfang des Jahres 73-jährig verstarb, war ihr Werk keineswegs abgeschlossen. Aus dem Nachlass stammen die Gedichte der „Weimarer Störung“, die noch einmal auf die große dichterische Präsenz der kämpferischen Weimarer Autorin hinweisen. Es handelt sich um zum Großteil unveröffentlichte Texte aus einem Vierteljahrhundert, wobei die stärksten aus dem letzten, sehr produktiven Lebensjahrzehnt stammen. Ob Landschaften, Orte, Persönlichkeiten (Hafis, Novalis, Nietzsche) ? Gisela Kraft ließ sich von ihnen gern inspirieren und entfaltete beim konzentrierten Schreiben ihre kritische Strenge und heitere Gelassenheit. Auch diese Gedichte werden bleiben.
Wie es mit der „Edition Muschelkalk“ weiter geht, ist momentan offen. Nachdem Sponsor E.ON Thüringen sich verabschiedete, sprangen die Kulturstiftung des Freistaats und der Freundeskreis von Gisela Kraft ein. Angesichts der vorhandenen literarischen Potenz sollte diese Reihe unbedingt weiter geführt werden.

Jeder Mensch hat ein Recht darauf, überwacht zu werden. So nimmt man ihn ernst. Aus Lutz Rathenows Geschichte „Ein Bewerbungsschreiben. August 2009“

Die neuen Muschelkalk-Bände
In der „Edition Muschelkalk“ des Wartburg Verlages sind drei neue Bände erschienen. Herausgegeben von Kai Agthe:
Johannes Lange: „Wettrüsten mit Eierflip“, Erzählungen, 84 Seiten
Lutz Rathenow: „Klick zum Glück“, Prosa, 96 Seiten
Gisela Kraft: „Weimarer Störung“, Gedichte aus dem Nachlass, 109 Seiten
Jeder Band kostet 11 Euro.