Presse - Details

 
04.12.2004

Westfalen im thüringischen Ranis heimisch

von Frank Quilitzsch TLZ

"In der Nacht war die Grenze geöffnet worden, das hatte ich im Fernsehen verfolgt. Am nächsten Morgen in aller Frühe standen unsere ersten Verwandten vor der Tür, sie hatten die ganze Nacht in West-Berlin verbracht. Ich musste ins Büro. Da kam ein Kollege zu mir und rief: Die sitzen auf der Mauer! Wollen wir uns das nicht mal ansehen?"

Hans Westerheide schließt für einen Moment die Augen, als wolle er den Tag noch einmal zurückholen. "Von unserer Firma bis zum Brandenburger Tor war´s ´ne Viertelstunde Fußweg", erinnert er sich. "Also sind wir da hin. Unterwegs kamen uns Trabis und Wartburgs mit qualmenden Auspuffen entgegen, die haben alle Straßen verstopft." Am Abend habe er über einer Kreuzung in Berlin-Zehlendorf zum ersten Mal einen "blauen Atompilz" gesehen - womit er die geballten Abgase der unzähligen Trabis meint.

Nie hätte sich der 1948 nahe Bielefeld geborene, gelernte Buchdrucker, der im Sommer 1989 zum Westberliner Traditionsunternehmen Elsnerdruck kam und bis Mitte 1996 dort als Verkaufsleiter tätig war, träumen lassen, dass er eines Tages im Osten landen würde - in Ostthüringen, in Ranis.

Das Haus, in dem wir sitzen, ist ein offenes Haus. Vom Vestibül bis unters Dach hängen Gemälde, in den Ecken stehen Plastiken, hier und da gibt es Auslagen mit Designerschmuck. Hans Westerheides Frau Marianne hat in Ranis eine Galerie eröffnet. Sie ist gerade in Berlin und holt Bilder ab. Die Kunst hat nach und nach alle Räume erobert und schmückt sogar das Wohnzimmer, das einen Durchgang zur Küche hat; es gibt keine Grenze mehr zwischen Galerie- und Privatleben. Im Hause Westerheide werden Ausstellungen eröffnet, Besucher empfangen und Exponate verkauft. Hier übernachten regelmäßig osteuropäische Künstler.

Nach dem Mauerfall neugierig geworden

Von der Grenzöffnung bis zur Übersiedlung in die thüringische Kleinstadt war es ein langer Weg. Hans Westerheide wollte nicht in den Osten, den er von Verwandtenbesuchen in Potsdam kannte. "Ich muss Ihnen ehrlich sagen: Für mich war die DDR uninteressant. Das Land war grau und nur kompliziert. Das fing schon bei den Grenzkontrollen an." Erst nach der Maueröffnung, als sich alles änderte, sei er neugierig geworden. "Wir sind rübergefahren, nach Berlin Mitte und Prenzlauer Berg - mal gucken, was da los ist."

Irgendwann ergaben sich geschäftliche Verbindungen. Hans Westerheide weiß noch, wie Kollegen im Auftrag von Bertelsmann zum ersten Mal Druckereien und Verlage im Osten besuchten. "Die haben sich nicht auf Anhieb verstanden, denn es gab bei gleichen Begriffen unterschiedliche Bedeutungen. ,Kalkulation´, zum Beispiel, oder ,Einkauf´. Der Drucker aus dem Osten fragte die Kollegen: Wo kauft ihr denn eure Aufträge ein? Nee, sagten die Kollegen, Aufträge kaufen wir nicht ein, die liefern wir aus. Aber wir kaufen Papier ein ..."

1990 hat der Bertelsmann-Konzern, zu dem auch Elsnerdruck gehörte, die Karl-Marx-Werke in Pößneck gekauft. "Da war für uns sofort klar, wo Elsnerdruck landet. Wenn die Firma nicht nach Polen rüber geht, dann geht sie nach Pößneck runter."

Aber nicht sofort. Elsnerdruck ließ erst mal in Pößneck drucken. Tag und Nacht, selbst am Wochenende - "Romanheftchen vor allem, Liebe, Krimi und andere Taschenbücher". Als Verkaufsleiter musste Hans Westerheide ab und zu zwischen Berlin und Pößneck pendeln, dabei hat er Kontakte geknüpft und Bekanntschaften geschlossen. "Man konnte nicht alles übers Telefon erledigen - so viele Telefone gab´s im Osten ja gar nicht, und das Telefonnetz war dauernd überlastet."

Also ins Auto gesetzt und von Berlin nach Thüringen. Gleich beim ersten Mal nahm er Frau und Tochter mit. Nina war fünfzehn und wollte nicht aus der Großstadt weg. "Meine Familie hatte schon die Nase voll von Pößneck, weil der Bäcker am Sonnabend um elf zumachte. Da habe ich die Pößnecker gefragt: Was gibt´s eigentlich in der Gegend zu sehen? In der Nähe ist ein Stausee, sagten sie. Sind wir also zur Hohenwarte gefahren und auf dem Rückweg durch Zufall nach Ranis gelangt. Die Raniser Burg hat uns auf Anhieb gefallen, und ich habe aus Spaß zu meiner Frau gesagt: Falls es uns einmal hierher verschlägt, das ist doch wenigstens was, woran man sich erfreuen kann."

Und prompt kam der Ruf: Einkaufsleiter und Mitglied der Geschäftsleitung beim Graphischen Großbetrieb Pößneck (GGP), wie die Thüringer Druckerei-GmbH inzwischen hieß. Ein Kollege, der Buchbinderei-Leiter, war schon dort. "Es war ein Angebot, aber ich hatte keine Wahl. Wenn ich nein gesagt hätte, was wäre die Folge gewesen? Zurück nach Gütersloh ins Mutterwerk von Bertelsmann? Ging nicht, die Positionen dort waren besetzt. Nein", sagt Hans Westerheide, "das ist bei uns so, wir ziehen mit unserem Beruf."

Im Sommer 1996 ist er nach Pößneck gegangen, zunächst allein. Die Tochter sollte in Ruhe die Schule beenden. Die Frau hatte in Berlin eine Galerie. Wochenend-Ehe. Möbliertes Zimmer kam nicht in Frage. "Wenn ich dort arbeite, habe ich gesagt, bringe ich auch meine Möbel mit. Andere hatten nicht mal ´n Koffer, nur ´ne Handtasche. So kann ich nicht leben." Hans Westerheide lehnt sich zurück, und man merkt an seinem Gesichtsausdruck, dass gleich eine Grundsatzerklärung folgt. "Machen wir uns nichts vor", sagt er, "für viele aus dem Westen ist es hier unattraktiv. Auch heute noch. Manche fühlen sich fast schon in Sibirien. Man verliert die Anschlüsse im Westen, klar, das spür´ ich doch auch. Kurzum, ich denke: Es ist keiner, kein einziger von uns freiwillig nach Pößneck gegangen."

Mietwohnung - drei Zimmer mit Küche und Bad. Und immer im Wechsel: Ein Wochenende fuhr er nach Berlin, am anderen Wochenende kam die Frau. Die Neugier auf Land und Leute versiegte nicht: "Wir hatten noch keinen Garten und sind damals viel in Thüringen herum gefahren. Wir kannten die Gegend bald besser als manch Einheimischer."

Zum Bummeln fahren wir nach Weimar

An anderen Wohnplätzen habe es bis zu sieben Jahre gedauert, ehe sich ein enger Freundeskreis bildete. In Ranis ging das schneller. "Die Menschen hier sind offener. Manchmal erzählen sie mehr, als man hören möchte."

Als sich Westerheides in Ranis niederließen, hätten alle gesagt: Ihr seid doch verrückt, in diesem Kaff ´ne Galerie aufzumachen! "Klar, hier gibt es nur ein begrenztes kunstinteressiertes Publikum, und von denen, die kommen, gucken die meisten nur und kaufen nichts. Nur, wenn ich nach Jena schaue oder zu einer Ausstellungseröffnung nach Erfurt fahre, da tut sich auch nicht viel mehr."

Um so mehr freut er sich über Lob und Zuspruch. Zu den Thüringer Literaturtagen 2004 stellte der Berliner Zeichner und Kinderbuch-Illustrator Manfred Bofinger in der Galerie Westerheide aus. Bofinger war von der Landschaft, der Literaturburg, dem Haus und seinen Gastgebern so angetan, dass er von Ranis als seiner "kleinen Galerie in weiter Ferne" sprach.

Inzwischen fühlt sich der Westfale Hans Westerheide in Thüringen zu Hause. "Von Anfang an haben wir nach dem Besonderen gesucht. Was ist das Besondere in dieser Gegend, habe ich mich gefragt? Bald wusste ich es: Der Sonnenuntergang. Die Sonnenuntergänge hier sind traumhaft. Und in der Saale kann man Fliegenfischen."

Hans Westerheide hat nur ein Problem: Er kann nicht untätig sein, er muss immerzu etwas unternehmen. Auf seinen Geschäftsreisen, die ihn unter anderem nach Polen, Russland, Rumänien, Bulgarien und Tschechien führten, hat er Kontakte zu dortigen Künstlern geknüpft. Und auf der Burg, dachte der Neu-Raniser, könnte man doch Lesungen veranstalten. Westerheide sprach mit dem Bürgermeister und nutzte seine Verbindungen zur Bertelsmann-Verlagsgruppe. "Man muss auf die Leute zugehen, um etwas zu bewegen."

Eigentlich lebe er hier nicht viel anders als im Westen, konstatiert er mit einem Lächeln. "Ich komme ja auch aus einem kleinen Dorf. Ein Dorf im Westen neben einer kleinen Stadt und ein Dorf im Osten neben einer kleinen Stadt - das ist für mich im Endeffekt das Gleiche. Meine Frau kommt ursprünglich aus Berlin. Zwischen Berlin und Ranis ist natürlich ein gewaltiger Unterschied."

Tochter Nina ging nach dem Abitur nach Nürnberg, wo sie eine Lehre als Fotografin absolviert. Hans Westerheide ist noch für den GGP Media als Berater tätig und hat sich als Verleger selbständig gemacht. Vor vier Jahren gründete er mit einem Ostdeutschen die Nora-Verlagsgemeinschaft, die sich auf digitalen Buchdruck spezialisiert hat. Zudem ist Westerheide Vorsitzender des Thüringer Lese-Zeichen e. V., der Leseförderung für einheimische Schriftsteller betreibt.

Versonnen lässt er den Blick durch den Garten schweifen. Ein Hang mit Apfelbäumen, die Wiese zur Hälfte gemäht, auf der anderen Hälfte wuchert das Gras. "Die Schafe sind auf Lustreise", erklärt Hans Westerheide, "beim Schafsbock." Was er vermisse? Er überlegt kurz: "Städtisches Flair. Wenn wir bummeln wollen, fahren wir halt nach Weimar."

ZUR PERSON

Hans Westerheide, 1948 bei Bielefeld geboren, hat Buchdrucker gelernt. In Bad Oynhausen betrieb er eine eigene Druckerei, ehe er als Sachbearbeiter zu Bertelsmann in Gütersloh wechselte. Im Sommer ´89 wurde er Verkaufsleiter bei Elsnerdruck in Westberlin, wo ihn der Mauerfall überraschte. Bertelsmann übernahm die Karl-Marx-Werke in Pößneck, und Westerheide rückte in die dortige Geschäftsleitung auf. Inzwischen hat er mit einem Ostpartner einen kleinen Verlag gegründet und ist noch als Berater für Bertelsmann tätig. In Ranis eröffnete seine Frau eine Galerie.