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07.03.2005

Werk zwischen Hoffnung und Schmerz

von Martin Straub TLZ

Römhild/Leimen. (tlz) Am heutigen siebten März wäre der Schriftsteller Harald Gerlach 65 Jahre alt geworden. Sicher hätte es ihn gefreut, dass die Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach seine Schiller-Biografie zum Buch des Monats gekürt hat. Überblickt man Gerlachs letzte Lebensjahre, so fällt auf, was für ein reiches Werk da entstanden ist, in dieser so kurzen Frist, geprägt von Hoffnung und Schmerz.

Allein zwischen 1997 und 2001 erschienen der großartige Roman "Windstimmen", die CD-ROM "Heine-Zeit. Leben. Werk", der Lyrikband "Nirgends und zu keiner Stunde", die CD-ROM "Goethe-Zeit. Leben. Werk", der Künstlerroman "Rottmanns Bilder", der Roman "Blues Terrano" und schließlich "Die völlig paradiesische Gegend. Auf Goethes Spuren zwischen Rhein, Saar und Mosel". An "Blues Terrano" und seiner Schiller-Biografie hat er bis zuletzt gearbeitet. Und Bettina Olbrich, seine Frau, hat ihn dabei nach Kräften unterstützt.

Ein Wanderer, stets ruhlos und suchend

Der Wanderer Harald Gerlach, stets unruhig und suchend. Er war von einer großen Unbedingtheit. "Kunst braucht keine Verhältnisse. Sie braucht nur den Künstler, und der schafft seine Welt unter allen Umständen", heißt es in "Rottmanns Bilder". Sperrige Sätze, weiß Gott, bar jeglicher Anpassung. Gerlach lebte sie. Er war kein schwächlicher Klügler. Er nahm Leben und Schreiben mit all seinen Freuden und Leiden ganz. Das hat Kritiker und Kulturfunktionäre immer wieder irritiert, wohl auch Kollegen der eigenen Zunft. Übrigens nicht nur zu DDR-Zeiten. Mit "Blues Terrano" kamen einige gar nicht zurecht.

Wir sollten Harald Gerlachs Verzweiflung und Mahnungen ernst nehmen. Sie rührten ja nicht allein aus der tödlichen Krankheit. Sondern sie rührten aus all diesen Oberflächlichkeiten und Niederungen der Spaßgesellschaft, einer schlimmen Sprachverlotterung. Wie wäre wohl Harald Gerlachs Kommentar zum professoralen Schnappi-Meeting auf dem Erfurter Domplatz anlässlich von "Wetten dass?!" ausgefallen? Harald Gerlach ging es um eine Sprache, die sich nicht feilbieten muss auf den Märkten der Macht und der Eitelkeiten. Und er konstatiert, wie "gewachsene Lebenswelten verloren [gehen]. Zurückbleiben Allerweltsräume, wo man sich, bei hinlänglichem Haben in Scheinwelten einkaufen kann." Und er fragt: "Wie in solcher Unlandschaft, behauptet sich das Gedicht? Es schafft Halt, indem es Orte aufsucht, an denen die Verluste erkennbar werden."

An Harald Gerlach erinnern, heißt aber auch von den noch ungehobenen Schätzen zu sprechen, die sich in seinem Nachlass finden und auf Veröffentlichung warten. Da gibt es einen Lyrikband mit Gedichten zwischen 1999 und 2001. Da sind die vielen Arbeiten zum Theater und zum Musiktheater. Und vieles von dem in der DDR Verbotenen ist bis heute nicht zur Aufführung gekommen. Man könnte sich einen Essay-Band vorstellen, in dem das über Lenau nicht fehlen dürfte.

Und an Harald Gerlach erinnern heißt ja, mit ihm über seine Bücher neu ins Gespräch kommen. In seinem letzten Brief an den Verfasser dieser Zeilen schrieb er: "Es gibt mir die Hoffnung, nicht alles ganz umsonst versucht zu haben. Es wär doch nicht alles völlig umsonst in dieser so schnell abrutschenden Welt."