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24.06.2003

Werbung für selbstbewussten Umgang mit dem Buch der Bücher

von Joachim Preiser Ostthüringer Zeitung

Friedrich Schorlemmer liest auf Burg Ranis aus "Die Bibel für Eilige"

Eigentlich will er nicht mehr und nicht weniger, als Menschen einen Zugang zur Bibel zu verschaffen. "Die Bibel für Eilige" heißt das jüngst erschienene Buch Friedrich Schorlemmers, mit dem der prominente Wittenberger Theologe und Bürgerrechtler am Sonntag im Rahmen der Thüringer Literatur- und Autorentage für sein Anliegen warb. An die 300 Personen hatten den Weg auf die Burg Ranis gefunden, um bei strahlendem Sonnenschein dem knapp einstündigen Vortrag zu folgen.

Man müsse unterscheiden zwischen dem, was "da" steht, und dem, was "drin" steht, skizziert Schorlemmer seinen Zugang zu biblischen Texten. Unter die Oberfläche biblischer Texte vorzudringen und unter dem vermeintlich Historischen das Existentielle zu entdecken, das ist sein Anliegen. Bibelauslegung, die das nicht beherzigt, gerate in die Gefahr fundamentalistischer Verengung. Sowohl die US-Administration als auch das ehemalige Regime im Irak haben bewiesen, wie durch fundamentalistische Lesart religiöser Überlieferung diese ihrer eigentlichen Aussage beraubt und für unlautere Zwecke missbraucht würde. Ebenfalls unproduktiv nennt Schorlemmer eine rein historische Zugangsweise zu biblischer Überlieferung. Sie mache die Bibel zu einem rein geschichtlichen Dokument und damit für die meisten Zeitgenossen tendenziell eher belanglos.

Entscheidend sei, was biblische Geschichten heute "für mich" bedeuten, meint Schorlemmer und verweist damit auf ein altes Zugangsprinzip zur Bibel. Es ist nicht ausschlaggebend, ob ich alles glauben muss, was in der Bibel steht, pointiert er mit einem kleinen Seitenhieb auf die dogmatische Tradition der katholischen Kirche. Entscheidend ist, ob die biblischen Geschichten existentiell weiterführen. In diesem Sinn wirbt der Theologe für einen mündigen und selbstbewussten Umgang mit der Bibel: "Glauben Sie nicht alles, was ich oder mancher Pfarrer Ihnen erzählt, prüfen Sie es!"

Ein besonderes Faible lässt Schorlemmer für die Botschaft der Propheten erkennen: "Sie beißen sich nicht auf die Lippen. Und was sie sehen, zerreißt sie. Sie nehmen kein Blatt vor den Mund", zitiert Schorlemmer nachdrücklich aus seinem Buch. Worte von Propheten verhallen oft ungehört, auch heute noch, meint Schorlemmer mit einem Blick auf den jüngsten Krieg.

Wenn man Schorlemmers Vortrag hört, dann ist auch in ihm das prophetische Pathos nicht zu überhören. Leidenschaftlich benennt er Missstände dieser Tage, ohne sich selbst für besser zu halten. Das Übel zu benennen ist Aufgabe des Propheten. "Doch wer sagt, was ist, soll auch die Hoffnung nicht verschweigen", schließt Schorlemmer seinen eindrucksvollen Vortrag.

Das Publikum bedankte sich mit langem Beifall für die beeindruckende und gelungene Einführung in das Buch der Bücher.