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09.06.2011

Wer schreibt, lebt: Autor Edwin Kratschmer wird 80

von Kai Aghte Ostthüringer Zeitung

Edwin Kratschmer mit Frau Margret. Am 9. Juni feiert der Autor aus Unterwellenborn seinen 80. Geburtstag. Foto: Sabine Bujack-Biedermann

Seine Sammlung von Jugendpoesie wurde in der DDR beargwöhnt, heute gilt sie als einzigartiges Dokument. Zu 80. Geburtstag des Unterwellenborner Autors Edwin Kratschmer.Dass einer mit 17 Jahren die Literatur für sich entdeckt, ist nicht außergewöhnlich. Wenn die Begeisterung aber im Jahre 1948 zu verorten ist und mit Franz Kafkas Kafkas "Die Verwandlung" begann, dann darf das als bemerkenswert gelten. Denn es sollte noch Jahrzehnte dauern, bis Kafka vom Verdikt des "Formalismus" befreit und auch in der DDR verlegt werden würde. "Ich war literarisch erweckt worden. Das Abenteuer Literatur hatte mich gepackt", so Edwin Kratschmer rückblickend.

Die Literatur wurde für ihn, der 1945 als Flüchtlingskind nach Thüringen kam, zur Passion und Profession. Erst als Rezipient und bald auch als Produzent.Von zentraler Bedeutung ist seine Rolle als Vermittler von Literatur. Schon als Lehrer hat er seine Schüler, wie es Friedhelm Berger nannte, "zum Schreiben provoziert".

Ein erstes Resultat war die 1964 im Selbstverlag herausgegebene Sammlung "Und Mut gehört zum Wort", die die Schulbehörde und die Staatssicherheit auf den Plan rief. Letztere stufte Kratschmers Edition mit 23 Schülergedichten tatsächlich als "staatsfeindliches Wirken" ein. Einen weiten Leserkreis erreichte bald darauf die Anthologie "Offene Fenster", die, wiewohl von der Kulturbürokratie beargwöhnt, zwischen 1967 und 1990 in neun Bänden erschien. So anregend wie für viele seiner schreibbegeisterten Schüler wirkte Edwin Kratschmer als Seminarleiter des von ihm 1970 mitbegründeten FDJ-Poetenseminars in Schwerin.

Auch als Wissenschaftler galt Kratschmers dezidiertes Interesse der Lyrik von Jugendlichen. In seiner 1969 verteidigten Dissertation untersuchte er anhand von 1376 Gedichten und einer Umfrage unter 763 Schülern und Studenten das poetische Schaffen von DDR-Jugendlichen in einer bis dato in der Germanistik beispiellosen Ausführlichkeit und Gründlichkeit. Darüber hinaus sammelte er mit Unterstützung zahlreicher Gleichgesinnter zwischen 1964 und 1990 mehr als 100 000 Gedichte von 15 000 Jugendlichen. Diese einzigartige Sammlung machte Edwin Kratschmer 1995 der Universität Jena zum Geschenk. Die würdigte sein Engagement 1992 mit einem Lehrauftrag, 1996 mit der Verleihung der Friedrich-Schiller-Medaille und 1999 mit der Ernennung zum Honorarprofessor für Neueste deutsche Literatur.

Edwin Kratschmer schreibt seit den fünfziger Jahren. Das Schreiben hat für ihn den "Sinn einer Selbstortung". Deshalb war es sekundär, dass seine Texte in der DDR nicht erscheinen konnten. Umso befreiender war das Jahr 1989. In großer Zahl edierte er seither Sammlungen mit Essays, Publikationen zur Jugendlyrik, zur Literatur und zu den Internationalen Jenaer Poetik-Vorlesungen, die Edwin Kratschmer mitbegründete.

Dass er auch Bücher und Kataloge zur bildenden Kunst vorlegte, liegt nicht zuletzt daran, dass er mit seiner Frau eine Kunstgalerie und mit seiner Tochter die Kunstsammlung Unterwellenborn aufbaute. Auch dafür wurde ihm jüngst die Ehrenbürgerwürde seines als "Stahlstadt" bekannten Heimatortes verliehen.

Bei dieser Fülle an Veröffentlichungen ist leicht zu übersehen, dass Edwin Kratschmer erst im Alter von 70 Jahren mit "Habakuk oder Schatten im Kopf" 2001 sein Debüt als Romancier gab. Mit "Wahnwald" erschien jüngst Kratschmers fünftes großes Erzählwerk, in dem der so beredte Ed Kraut benannte Protagonist eine Reise zu den Ahnen, also durch Raum und Zeit unternimmt. Seine über sechs Jahrzehnte anhaltende Leidenschaft für die Literatur brachte der Autor auf diesen kurzen Nenner: "Ich muss halt schreiben. Scribo ergo sum, wer schreibt, lebt." So möge Edwin Kratschmer , der heute seinen 80. Geburtstag feiert, noch viele Jahre schreiben.