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10.01.2015

Wenn die Zeit plötzlich innehält

von Martin Straub TLZ

Autobiographisch grundierte Belletristik, die sich mit dem Leben in der DDR auseinandersetzt, ist inzwischen Legion. Gelungenes, wie Lutz Seilers „Kruso“, Ingo Schulzes „Neue Leben“ oder Eugen Ruges „Im Zeichen des abnehmendes Lichts“, um nur drei Beispiele zu nennen, sollten nicht darüber hinweg täuschen, wie viel Mittelmaß es zu diesem Thema gibt und manches zum Klischee erstarrt ist. Zudem nervt die immer wieder kehrende Frage, wann endlich der „wirkliche“ Wende-Roman käme. Nun legt der in Genthin geborene Wolfgang Haak, und doch Thüringer durch und, durch, seinen eigenwilligen Roman „Zeitumstellung“ in der Weißen Reihe des quartus-Verlages vor. Und dieser schön ausgestattete Band ist wirklich bemerkenswert. Überhaupt, wie Wolfgang Haak als Leiter des Musik-Gymnasiums Belvedere es außerdem noch schafft, Bücher zu schreiben, nötigt Respekt ab. Schließlich ist es nach mehreren Bänden Prosaminiaturen, lyrischer Prosa und dem Roman „Der Sohn des Windmüllers“ sein zweiter Versuch in dieser epischen Großform.

Ein origineller Einfall gründet das Buch. Es ist die Nacht zwischen Sommer-und Winterzeit, eine Stunde stehen im Oktober 1989 die Uhren still. Nein, keine gestockte Zeit. In dieser Stunde durchlebt der Held des Romans, Tobler, seine Erinnerungen. Durchlebt? Sie durchschauern und bedrängen ihn, Albträume und Abgründe irrlichtern durch seinen Kopf. Da brechen die unbewältigten Konflikte auf vor seinem früheren Wohn- und Lebensort. „Das Haus ist ein Berg, flüstert er, als deklamiere er einen Text, ein Labyrinth, in dem sich die Erinnerungen verlaufen haben“, heißt es da, „nachts wenn die Zeit plötzlich innehält“, „die Blattmasken im Sims flüstern und aus den Fensterhöhlen starrt die Dunkelheit.“ Das Ganze lebt von einer unheimlichen Atmosphäre. Wind weht durch unheimliche Geräusch-Kulissen, und die Raben fliegen mit Gekrächz durch die Geschichte.

Haak will keine Heldengeschichten schreiben. Er, der zu DDR-Zeiten immer wieder darum gerungen hat, ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wich den Konflikten nicht aus. Er musste erfahren, wie schwierig es ist, sein ureigenes Feld zu bestellen und sich treu zu bleiben. Es liegt in der Konsequenz des künstlerischen Einfalls, dass der Autor die Erinnerungen nicht in das Korsett einer im Nachhinein gegebenen biographischen Folgerichtigkeit gibt und seine Geschichte von A bis Z durch erzählt.Vielmehr folgt er der Spontaneität, die traumhaften Erinnerungen eigen sind und kommt so zu einer dichten Verschränkung von Außen-und Innenwelt. Zugleich aber konfrontieren die Erinnerungen Tobler mit einem vielschichtigen Figurenensemble, den Bewohnern des Hauses.

Kleine Leute“ in der Nische

Da ist der ständig betrunkene Kohlenfahrer, den man doch immer wieder braucht, die Fischverkäuferin Monika, sinnlich und zugänglich, oder der anpassungsfreudige Maler Neumann, der sich als Widerstandskämpfer geriert, der Spitzel Zögler mit der scharfen Bügelfalte in den Hosen, als allgegenwärtiges Leitmotiv fungierend. So kommt mit dem Leben der sogenannten „kleinen“ Leute in diesem verwinkelten Nischen des Hauses DDR-Leben in seiner widersprüchlichen psychischen und sozialen Realität in den Blick. Tragisches und Komisches, Beklemmendes und Erheiterndes liegen nebeneinander. Diese traumhaften Momentaufnahmen in einem dichten Episodengeflecht machen den Reiz des Erzählens aus. Allerdings verlässt Haak erzählerisch im letzten Drittel seines Romans ab und zu diese Traumwelt. Da gibt es nüchterne Erzählkommentare. Und am Ende gar einen Abgesang am lichten Folgemorgen, in dem skizzenhaft der weitere Weg der Bewohner verfolgt wird. Den braucht das Ganze nicht. Der Leser taucht da schon lieber erneut in den „Abgrund einer einzigen Stunde (zurück, M.S.), die so vergeht, wie sie es will und nicht wie der Mann namens Tobler es wünscht, der sich in diese Zeitspanne verirrt hat“. Hier liegen der ästhetische Wert und die Ehrlichkeit des Buches, und seine Intensität, die den Leser ganz gefangen nimmt.

Wolfgang Haak: Zeitumstellung. Roman mit einem Holzschnitt von Jens-Fietje Dwars, quartus-Verlag 2014, 193 S., 12,90 €