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19.09.2005

Wendige Wirte, sture Schafe

von Frank Quilitzsch TLZ

Suhl. (tlz) Noch einen Hügel hinauf und einen steilen Pfad hinunter. Im Tal ein Dorf. Ist hier Thüringen oder Bayern? Er klingelt am ersten Haus links, fragt, wie es so geht fünfzehn Jahre nach Grenzöffnung. Der eine schüttet spontan sein Herz aus. Der andere bittet ihn herein und erzählt gleich sein ganzes Leben. Etliche fluchen, fühlen sich durch die "Einheit" betrogen. Eine Frau lässt ihre Hunde auf ihn los. Der Grenz-Gänger humpelt weiter, den ehemaligen Todesstreifen entlang - 440 Kilometer vom malerischen Rennsteig-Örtchen Gräfenthal bis Vacha im thüringisch-hessischen Kaligebiet.

Im August 2004 war der in Dietzhausen bei Suhl ansässige Schriftsteller und Reporter Landolf Scherzer gestartet, mit Rucksack, Notizblock und Aufnahmegerät. Er hatte sich die Strecke in fünfzehn Etappen eingeteilt. Schaute dies- und jenseits des nicht mehr überall sichtbaren Kolonnenwegs - der einstigen "Autobahn der DDR-Grenzer" - in die Orte, immer abwechselnd Ost und West, und fühlte der Wirklichkeit den Puls.

Die Ostbäcker beliefern jetzt die Bayern. Die Bayern haben die Thüringer Keramikbuden aufgekauft und geschlossen. Dafür nehmen die Ossis den Wessis nun die Arbeitsplätze weg. Und den gesamtdeutschen Wohlstandsmüll lädt ein Pole in sein Lieferauto, um ihn weiter an die Russen zu verscherbeln.

Eine Gratwanderung zwischen Ost-West

Im Grenzwald, in den Scherzer immer wieder eintaucht, wachsen die meisten Pilze. Einige Abschnitte sind dem Pirol und der Nachtigall, der seltenen Türkenlilie und dem vom Aussterben bedrohten Schachbrettfalter vorbehalten. Dort, wo 1952 auf DDR-Seite die Siedlung Grünstein geschleift wurde, lockt ein Schild zum Öko-Hof. Der Töpfer stammt aus Jena, durfte zu DDR-Zeiten nicht studieren, schloss sich einer oppositionellen Gruppe an und wanderte nach Amerika aus. Kürzlich kehrte er zurück: "Stellen Sie sich vor, ich bin von einem Ostdeutschen übers Ohr gehauen worden! Die Einheit ist vollendet."

Die Gratwanderung entlang der ehemaligen Grenze noch nicht. Eine Fülle von Schicksalen und Episoden! Scherzer lässt sich gern vom Zufall leiten. Doch wenn ihn etwas packt, hakt er nach. Er erzählt locker und pointiert: von Rock´n´Roll tanzenden Möbelvertretern und ehrenamtlichen Totengräbern, von einem Ost-West-Liebespaar, das im Zelt an der Grenze Ruhe vor der Welt sucht, von wendigen Wirten und sturen Rhönschafen. Er erkundet die Herkunft und das soziale Umfeld der Menschen, fragt nach ihren Hoffnungen und Enttäuschungen. So entsteht aus zahllosen Begegnungen ein lebendiges, widersprüchliches Panorama der Nachwende-Zeit. Einige Geschichten sind so bewegend, dass man sie gern ausführlicher lesen würde. Doch der Grenz-Gänger muss weiter.

Die Landkarte im Buch markiert über hundert Orte, die Scherzer innerhalb eines Jahres auf seiner Wanderung besucht hat. Nach jeder Etappe schrieb er seinen Report für das Freie Wort Suhl. Und weiter ging´s. Hinauf und hinunter. Hessen oder Thüringen? Erstes Haus links. Wieder klopft der Grenz-Gänger an. Redet mit dem Bürgermeister und den Leuten auf der Straße, mit Lehrern und Schülern, Arbeitern und Unternehmern. "Nein, wir haben keine Kontakte mehr nach drüben", verrät ihm eine alte Frau in freundlichem Ton. "Die sind irgendwie anders, die dort in der Ostzone ..."

Scherzers neuer Reportageband, der am Donnerstag in Suhl präsentiert wird, ist unbequem, denn er fördert ungeliebte Wahrheiten zu Tage, und er ist zugleich ein Barometer dafür, wie es tatsächlich um die viel beschworene Einheit im Lande bestellt ist. Der Grenz-Gänger bewegt sich nicht im Niemandsland, sondern in einem von Ressentiments aufgeheizten und von Konkurrenzdruck beherrschten Klima. Scherzer sammelt Stimmen, doch er kommentiert sie nicht. Freilich gehört seine Sympathie jenen "kleinen Leuten", die keine Lobby haben und sich nicht unterkriegen lassen.

Auf dem letzten Streckenabschnitt wird Scherzer von seinem Freund Günter Wallraff begleitet. Gemeinsam mit dem Fotografen gehen sie über die "Einheitsbrücke" von Philippsthal nach Vacha. Der erste Fußgänger, der ihnen entgegen kommt, soll das letzte Wort haben. Es ist eine 15-jährige Gymnasiastin aus Vacha, die einmal Psychologie studieren möchte. Wallraff fragt sie, wer von ihnen aus dem Westen kommt und wer aus dem Osten. Die Unterschiede seien doch deutlich, meint das Mädchen. Der Frager aus dem Westen, der Fotograf aus dem Osten. Den Grenz-Gänger hält sie für einen Ausländer.

i Landolf Scherzer: Der Grenzgänger. Aufbau-Verlag, Berlin, 394 S., 19.90 Euro; Buchpremiere: 22. 9., 20 Uhr, Congress Centrum Suhl; weitere Lesungen: 3. 10. Burg Ranis, 7. 11. Ernst-Abbe-Bücherei Jena, 2. 12., Buchhandlung Peterknecht Erfurt