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03.11.2007

Wende-Abenteuer: Im Gespräch mit Ingo Schulze

von Frank Quilitzsch TLZ

Am Sonntag, 3. November, verleiht die Literarische Gesellschaft dem Schriftsteller Ingo Schulze den mit 6000 Euro dotierten Thüringer Literaturpreis.

Herr Schulze, Sie sitzen in der Villa Massimo in Rom. Haben Sie einen schönen Ausblick?

Mein Blick geht mehr oder weniger in den Himmel. Ich sehe eine große, alte Pinie und noch zwei Zypressenspitzen und heute leider einen etwas grauen Himmel.

Davon konnten Sie als Student der Altphilologie in Jena doch nur träumen!

Ich bin vor dem Mauerfall nie im Westen gewesen. Dann fand ich die Bundesrepublik ganz schön, aber es verschlug mir nicht den Atem. Vielleicht waren auch all die Erzählungen über den Westen einfach zu grandios gewesen oder meine Fantasie hatte daran mitgestrickt. Mein Westerlebnis war eigentlich das Süderlebnis. Das erste Mal Italien zu sehen, das war der eigentliche Schock! Italien erst mit fünfundsechzig zu sehen, wäre doch ein bisschen spät gewesen.

Sie sind mit einem Schriftstellerstipendium dort. Vermutlich schreiben Sie den ganzen Tag - oder?

Ach, ich wollte eigentlich nur wenig arbeiten, noch viel mehr draußen sein, mich umschauen und Italienisch lernen. Ich glaube auch, eine ganze Menge von dem Land schon gesehen zu haben. Rom ist ja ein schöner Ausgangspunkt, gerade für Süditalien - Neapel liegt nur anderthalb Zugstunden entfernt. Wir waren länger in Sizilien, auch in Apulien, aber den Großteil der römischen Tage verbrachte ich dann doch vor dem Computer. Hinzu kommt, dass wir hier zweimal die Woche Fußball spielen, und Mitte Juni hat meine Achillessehne peng gemacht. Deshalb saß ich dann zwei Monate am Schreibtisch. Mittlerweile spiele ich aber auch wieder Fußball.

Mit wem denn?

Na, mit den Stipendiaten, wir untereinander und die größeren Kinder. Auch aus anderen Akademien kommen welche dazu. Am letzten Sonntag haben wir gegen die Amerikaner gewonnen. Der beste Deutsche war ein Rumäne.

Ich nehme an, Sie schreiben in der Villa Massimo nicht über Italien, sondern an etwas ganz anderem.

Das stimmt. Andererseits war, als ich mich um das Stipendium bewarb, Rom nicht ganz zufällig gewählt, obwohl man für Rom eigentlich keine Begründung braucht. Wenn man etwas über die eigene Kultur erfahren will, muss man nach Italien, nach Rom, nach Florenz, nach Neapel fahren. Ich habe mir eine Arbeit mitgenommen, die in der Mythos-Reihe vom Berlin-Verlag erscheinen soll: "Adam und Evelyn". Daran habe ich als Gipsfuß gearbeitet. Nebenbei entstanden ein paar kleinere Geschichten-Skizzen, die einen unmittelbaren Bezug zu Italien haben und mich zum genaueren Hinsehen zwingen. Ich weiß nicht, ob das etwas wird oder was das werden könnte, das betrachte ich nicht als Arbeit.

Wann waren Sie das letzte Mal in Altenburg?

Ende März diesen Jahres habe ich dort aus "Handy" gelesen.

Vermissen Sie die Aufregungen der Wende-Zeit?

Das kann ich nicht sagen. Im Nachhinein sieht das alles nur spannend und aufregend aus, aber es war auch viel Ungewissheit und Angst dabei. Was ich vermisse, ist natürlich die Hoffnung, dass etwas aufbricht, dass sich etwas anders machen lässt, dass wir etwas machen können. Das war ja schnell vorbei, so dass man im Nachhinein glaubt, es ist nur eine Illusion gewesen. Trotzdem hat sich damals in mir ein Ableger der Gewissheit eingenistet, dass man etwas verändern kann. Bei den Russen gibt es allerdings ein Sprichwort: Man wünscht selbst seinen Feinden nicht, in interessanten Zeiten zu leben ...

Einem Schriftsteller kann so eine Erfahrung doch nicht schaden.

Das lässt sich nicht so generell beantworten und hat auch weniger damit zu tun, ob man schreibt oder nicht. Die einen hat es für immer aus der Bahn geworfen, für andere war das die Chance, die einen sind verstummt, die anderen haben angefangen zu schreiben. Bei mir hat das noch ein paar Jahre gedauert. Ich bin sehr froh, dass ich diese Zeit erlebt habe und dass diese Geschichte nicht wie in China ausgegangen ist. Aber ich erlebe meinen Alltag ja nicht in dem Sinne, dass ich sage: Jetzt stelle ich mich auf die Straße und sehe mal, was passiert, dann kann ich darüber schreiben. Ich hatte viel Glück und genieße das Privileg, dass ich von meiner Schreiberei leben kann. Seit das erste Buch erschienen ist, führe ich ein schöneres Leben.

Auch in Ihrem zweiten und dritten Buch zehren Sie stark aus jener Umbruchszeit.

Die ersten beiden Bücher spielten in ihrer Gegenwart, es ging immer um die Neunziger. Erst mit "Neue Leben" habe ich versucht, über das Davor und den eigentlichen Umbruch zu schreiben. Es braucht eben auch Zeit. Mit jeder neuen Erfahrung verändert sich auch der Blick auf die Vergangenheit und damit das Bild, das wir uns von ihr machen. Ich habe erst zehn Jahre nach 89/90 angefangen zu verstehen, was damals eigentlich passiert ist. Das, was Globalisierung genannt wird, konnte erst durch 89/90 und seine Folgen global werden. Was passiert mit dem Westen durch den Wegfall des Ostblocks? Es geht immer um das Jetzt. In Italien gibt es viel mehr ein Bewusstsein dafür, dass 89/90 für alle Bedeutung hatte, Italien ist dadurch ein ganz anderes Land geworden.

Thomas Steinfeld, der zur Preisverleihung die Laudatio auf Sie halten wird, hat seinen Vortrag "Der Teufel in Thüringen" genannt. Wenn man Ihren Roman "Neue Leben" liest, könnte man durchaus zu dem Schluss kommen, Sie seien dem Leibhaftigen in Altenburg begegnet.

Tja, wenn man nur immer wüsste, wer der Teufel ist! Mein Mephistopheles ist einer, der eigentlich für all das steht, was auch in einer Regierungserklärung vorkommt. Er ist für Wachstum, Initiative, er ist risikofreudig, er glaubt, dass der beste Weg zum Wohle aller über den eigenen Wohlstand führt. Er ist einer, der sich niemals grundsätzlich in Frage stellen würde. Wenn er auftaucht, geht alles gut, jedenfalls eine ganze Weile. Und manchmal denkt man, er ist nicht der Teufel, sondern Faust. Altenburg liegt ja relativ nah bei Leipzig und Kaisersaschern.

Hat Sie der Teufel geritten, als Sie die Form des Briefromans wählten?

Hätte ich doch nur von Anfang gewusst, dass es einer werden wird. Was kann aber einer schreiben, der behauptet, nicht mehr schreiben zu wollen, es hinter sich zu haben. Ich wollte unbedingt in der Ich-Form erzählen, so dass man die Veränderung, die mit dem Erzähler vor sich geht, nur an Hand seiner Selbstaussagen spürt. Und er versucht einem ja ständig zu erklären, warum er sich jetzt so und so entscheidet. So ein bisschen wie die Briefe von Cäsar aus Gallien. Cäsar wollte ja auch nur das Beste für die Republik, schreibt er.

"Mein Westerlebnis war eigentlich ein Süderlebnis. Italien war der Schock!"

Was ist in "Neue Leben" Dichtung, was Wahrheit? Der Held Enrico Türmer hat wie Sie in Jena studiert. Sogar ein uns beiden bekannter Professor wird für seine Eigenheiten gerühmt. Dann geht Türmer wie Schulze ans Landestheater Altenburg, gründet nach der Wende ein Wochenblatt und schreibt wie besessen. Ist dieser Türmer Ihr Alter Ego?

Der Hintergrund dieser Figur ist meine Biografie. Wenn man über einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit schreibt, muss man relativ genau wissen, wie sich das angefühlt hat. Es ist wichtig, wo man im Herbst ´89 war, welche Arbeit man hatte, das Jahr, in dem ich Abitur gemacht habe oder zur Armee kam usw. Ich musste aber vor allem eine Sichtweise für Enrico, den späteren Heinrich Türmer finden. Meine Sicht auf die Welt unterscheidet sich von der des Enrico Türmer doch gewaltig, das glaube und hoffe ich zumindest.

Sie treiben das Verwirrspiel auf die Spitze, indem Sie einen Herausgeber der Briefsammlung erfinden, der Ingo Schulze heißt. Diesem Ingo kann man doch absolut nicht trauen!

Das soll man ja auch nicht, zumindest nicht dem Herausgeber I. S. Dem Autor hoffentlich schon. Ich wollte, dass es in diesem Buch keinen Fixpunkt gibt, dass man nie sagen kann, der oder der hat Recht, in seinen Briefen an Nicoletta sagt er die Wahrheit und in den Briefen an seine Schwester lügt er oder umgekehrt. Für mich als Autor ging es darum, dass das, was meine Figur sagt oder schreibt, plausibel ist. Es sind in Bezug auf die Adressaten drei sich widersprechende bis sich ausschließende Welten und für Türmer drei Versuche einer Liebe: zu seiner Schwester, zu Nicoletta und zu seinem Freund Johann. Für mich war diese Ambivalenz, diese Unschärfe beim Erzählen sehr wichtig. Man kann eigentlich nichts aus dem Buch zitieren, weil auch das Gegenteil eine gewisse Wahrscheinlichkeit besitzt. Er sagt, dass er endlich frei ist für das tätige Leben und zum Genuss des Augenblicks, er habe das Streben nach Ewigkeit hinter sich. Und andererseits schreibt er vielleicht gerade in diesen Briefen das Buch, das er immer schreiben wollte ...

Das erinnert in der Tat an Faust. Und der Teufel steckt bekanntlich im Detail: Ist dieser Heinrich-Enrico, der sich als Intellektueller zum freien Unternehmertum verführen lässt, ein faustischer Typ?

Ja - und er wird aber auch zum Mephistopheles. Das vermischt sich heute offenbar leichter als früher. Es klingt natürlich vermessen, wenn man sagt, für mich war das Faust-Motiv wichtig. Aber ohne diese Anregungen ... Es fließen dadurch auch Bedeutungen und Konstellationen ein, die zu schaffen es eben ein paar Jahrhunderte gebraucht hat. Ich möchte der Zwerg auf den Schultern der Riesen sein.

Sprechen Sie jetzt vom Geistesriesen Thomas Mann, von seinem "Doktor Faustus"?

Die Anregung kam gar nicht von diesem berühmten Faust, sondern von einem anderen wunderbaren Faust-Buch, "Herzgewächse oder Der Fall Adams" von Hans Wollenschläger, das stark auf den Thomas Mannschen Faust Bezug nimmt, und natürlich kommt man an Goethe nicht vorbei ... Die Linie geht bis zu Bulgakows Roman "Der Meister und Margarita".

Ihre Verehrung für Goethe und Thomas Mann ist kein Geheimnis. Andererseits behaupten Sie, die Hauptstadt der Literatur liege im sächsischen Meuselwitz?

(lacht) Damit wollte ich sagen, wie wichtig der dort geborene Wolfgang Hilbig für mich ist, nicht nur für mich natürlich. Den verstorbenen Hilbig sehe ich schon unter den ganz Großen der deutschen Literatur.

Damit sind wir wieder in der Provinz. Auch Ihr Episoden-Roman "Simple Storys" spielt in Ostthüringen. Offenbar hat sich der Aufenthalt in einem beengten, überschaubaren Lebensraum literarisch als sehr fruchtbar erwiesen.

Ich kam 1988 nach Altenburg, dann kam der Umbruch, und ich habe den Eindruck, dass ich nie wieder so in eine Stadt einsickern werde. Ich war dort am Theater, beim Neuen Forum, in der Zeitung. In einer Kleinstadt ist das Geflecht der Beziehungen leichter nachzuvollziehen als in Berlin oder Rom.

Das Handy - zugleich Titel Ihres neuen Erzählungsbandes - steht für Globalisierung. Öffnet sich, nachdem er seine Biografie abgearbeitet hat, für den Autor Ingo Schulze nun die Welt?

Mit dem Titel versuche ich auch einen Gegensatz zu formulieren: "Handy" steht einerseits für die Handy-Zeit, die jüngste Vergangenheit. Für mich war andererseits überraschend, dass ich bei dem Versuch, darüber zu schreiben, auf ganz alte Erzählmuster zurückfiel, vor allem auf den mündlichen Erzähler. Deshalb der Untertitel "Geschichten in alter Manier". Ich habe mich gefragt, warum mir das passiert. Vielleicht, weil wir mit Problemen konfrontiert sind, die vor der Handy-Zeit, also bis Mitte der 90er Jahre, schon fast als überwunden galten: Armut, soziale Polarisierung der Gesellschaft, ganz grundlegende Dinge, die jetzt mit Vehemenz zurückgekehrt sind. Aber alte Manier bedeutet natürlich auch wieder der Bezug zu den alten Meistern.

Sind Sie ein Perfektionist? Sie wollen drei Jahre gebraucht haben, um für "Neue Leben" den ersten Satz zu finden.

Das hat nichts mit Perfektionismus zu tun. Ich musste halt so lange suchen, bis ich einen Weg gefunden hatte, das heißt einen Tonfall, eine Struktur und eine geistige Haltung, aus der heraus ich schreiben konnte.

Und zum Schluss brauchten Sie nochmal ein halbes Jahr, um den Roman auf 793 Seiten zu kürzen?

Oh ja!

Wie viele Seiten waren es denn vorher?

Das lässt sich schwer sagen, weil ich das Manuskript nie in dieser Form ausgedruckt hatte. Na, so vier-, fünfhundert Seiten mehr waren es bestimmt.

Sie schreiben am Computer. Wenn Sie den Text nicht zwischendurch ausdrucken, existiert er doch nur virtuell. Irgendwann könnte ihn der Löschteufel holen!

Diese Angst ist mir in der Tat nicht fremd. Deshalb sichere ich meine Texte, indem ich sie als Mail an mich selbst verschicke. Das ist bisher immer gut gegangen. Und ich finde diese Methode auch sehr praktisch: Man muss nicht ständig das Manuskript und den Computer mit sich herumtragen. Immer wenn man irgendwo anders hingeht, wartet das Manuskript schon auf einen.

Da kriegen Sie ja regelmäßig Post!

Ich hoffe, das bleibt auch so.

ZUR SACHE

Schulze ist nach Sigrid Damm der zweite Autor, der die von E.ON Thüringer Energie AG gestiftete Auszeichnung entgegennimmt. Die Laudatio hält Thomas Steinfeld.

Ingo Schulzes Werk zeuge von hoher Erzählkunst, sagte der Jury-Vorsitzende Wulf Kirsten. Aus Schulzes Feder stammen die Bücher "33 Augenblicke des Glücks" (1995), "Simple Storys" (1998), "Neue Leben" (2005) und der Erzählband "Handy" (2007).

Der Autor, der heute in Berlin lebt, studierte in Jena Klassische Philologie und Germanistik. Von 1988 bis 1992 war er Schauspieldramaturg und Zeitungsredakteur in Altenburg, das auch Schauplatz seiner beiden Romane ist.

! Sonntag, 4. November, 11 Uhr, Musikgymnasium Schloss Belvedere Weimar