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21.06.2014

Weimarer Dichter Wulf Kirsten wird zu seinem 80. Geburtstag geehrt

von Frank Quilitzsch TLZ

Auch in Bücherlandschaften fühlt er sich heimisch: Der Schriftsteller und Herausgeber Wulf Kirsten in der Weimarer Herzogin Anna Amalia Bibliothek. Foto: Peter Michaelis

Pfingsten war er wieder unterwegs - in seinem Lieblingswanderrevier südöstlich von Weimar. Das sei jetzt schon ein bisschen wie Abschiednehmen, sagt Wulf Kirsten, der noch immer weite Strecken zu Fuß bewältigt.

Abschied von vertrauten Landschaften und Orten, die er seit Jahrzehnten immer wieder besucht und nachhaltig beschrieben hat, und natürlich von Menschen, die er dort, regelmäßig oder unverhofft, trifft. "Wenn mein Enkel dabei ist, fühlt er sich manchmal genervt, weil ich so viel mit den Leuten rede. Doch nur so erfahre ich, was ich wissen will, aus erster Quelle."

Auch wenn die Streifzüge mühsamer werden, erlebt der seit heute 80-Jährige noch immer Glücksgefühle. Etwa wenn er den Kleinen Gleichberg bezwingt, den "Thüringer Olymp", wie er ihn ironisch nennt, der sich östlich von Römhild 641 Meter hoch über den Thüringer Wald erhebt. Dort, wo früher auch sein 1995 verstorbener Dichterfreund Walter Werner unterwegs gewesen ist. Wandern und Schreiben - das ist für den in Sachsen geborenen und seit 1965 in Weimar lebenden Schriftsteller eine Art Lebenselixier. "Es geht", sagt er dankbar lächelnd und verkneift sich das Wörtchen "noch".

Wulf Kirsten sitzt in seinem Arbeitszimmer, von wo er den Ettersberg sehen kann - auch so ein Ort, wenngleich von historisch düsterer Aura, den er immer wieder besucht und über den er schon viel geschrieben hat. Zuletzt gab er mit seinem Sohn Holm das Lesebuch "Stimmen aus Buchenwald" mit Erinnerungstexten ehemaliger KZ-Häftlinge heraus.

Finden statt erfinden - das ist sein literarisches Credo, dem wir mehr als ein Dutzend Bücher verdanken. Obwohl sich der Chronist Kirsten unentwegt Notizen macht, ist er kein Vielschreiber. "Ich bin keine Tretmaus, die jedes Jahr ein neues Buch produziert", betont der manische Wortarbeiter, der die Silben sorgsam dreht und wendet, bis ein Satz oder ein Vers den richtigen Rhythmus und Klang bekommt. Was er schließlich in Druck gibt, ist ausgereift und für die Ewigkeit bestimmt. Man braucht nur mal die lautmalerischen Titel seiner Gedichtbände aneinanderzureihen, schon ergibt sich daraus ein neues poetisches Gebilde: "Bleibaum", "Stimmenschotter", "Wegrandworte", "Wettersturz" und "Erdlebenbilder".

Oft schwingt die Atmosphäre des Ortes mit, an dem der Text entstand. Vor zehn Jahren trafen wir uns in Röttelmisch, einem verwunschenen Dorf im Reinstädter Grund, wohin er sich zur Fertigstellung zweier Prosaarbeiten zurückgezogen hatte. Vor fünf Jahren saßen wir an seinem Weimarer Lieblingsplatz, auf einer Bank in Herders Kräutergarten hinter der Stadtkirche. Dass wir diesmal zu Hause, verbarrikadiert zwischen wandhohen Bücherregalen, miteinander plaudern, ist nicht symbolisch zu betrachten, vielmehr der Knappheit der Zeit geschuldet. Das Jubiläum treibt ihn um; bis zuletzt hat der Weimarpreisträger von 1994, der heute von der Stadt mit einem Festakt im Schloss geehrt wird, an seiner Dankesrede gefeilt.

Anerkennung für sein vielfältiges literarisches und essayistisches Werk flog dem 1934 in Klipphausen bei Meißen Geborenen von verschiedener Seite zu. Die Würdigungen reichen vom Peter-Huchel- und Heinrich-Mann-Preis (1987 bzw. 1989) über den Elisabeth-Langgässer-Literaturpreis (1994) bis zum hoch angesehenen Joseph-Breitbach-Preis (2006). Bei der Verleihung des Konrad-Adenauer-Literaturpreises 2005 in Weimar würdigte ihn der Laudator Manfred Osten als einen Dichter, "der unfähig zur Lüge ist und gegen das schändliche Vergessen" anschreibe.

So lange Wulf Kirsten in der Natur und in der Geschichte unterwegs ist, sprudelt die Quelle seiner Poesie. Gerade hat er 23 neue Gedichte zur Veröffentlichung in einem Bändchen des quartus-Verlags freigegeben, das in einer einmaligen, nummerierten Auflage von 444 Exemplaren und mit drei Radierungen von Susanne Theumer erscheint - sein Titel: "Was ich noch sagen wollte".

In einem dieser neuen Gedichte folgt das lyrische Ich Lyonel Feiningers Spuren "von Hottelstedt nach Zottelstedt", als Wanderer in einer versinkenden Welt. Nur noch in den Bildern des Malers, so der hintergründige Tenor, seien "die ausgewanderten dorfansichten zu besichtigen" - "Feiningers / thüringischer mythos weltweit / aufbewahrt, kristallin zergliedert, / prismatisch / gebrochen ". Übrigens wird der wandernde Poet und Erzähler zu seinem 80. Geburtstag auf ganz besondere Weise beschenkt. Dichterfreunde widmen ihm gemeinschaftlich ein Buch: "Fest in der Landschaft. Gedichte für Wulf Kirsten" (edition Azur, Dresden) enthält 55 Beiträge von Lyrikern, Übersetzern und Grafikern, die dem Weimarer eng verbunden sind, unter anderen von Jürgen Becker, Elke Erb, Róza Domacyna, Lutz Seiler, Uwe Kolbe, Adel Karasholi, Kim Kwang-Kyu, Kathrin Schmidt und Reiner Kunze. "Der Wulf geht durchs Korn", titelte Volker Braun: "Fest in der Landschaft sitzt er einbegriffen / Und schlägt die Worte auf. Wie ernst sie klingen. / Und wie vom Spaten aus dem Löß geschnitten. / Wie sie am Abend von den Hügeln springen. / Alle die Arbeit haust in den Begriffen. / Wie Saaten blühen sie vor seinen Schritten."

Auf Jan Volker Röhnerts Anregung richtet die Technische Universität Braunschweig für den Jubilar am 2. und 3. Juli ein Kolloquium aus: "Landschaft als poetischer Text". Wulf Kirstens Werk habe "mit seiner widerständigen Poetik den inoffiziellen Kanon der DDR-Lyrik und ebenso den Landschaftsdiskurs der gesamtdeutschen Lyrik entscheidend geprägt", heißt es.

Er wünsche sich noch ein paar produktive Jahre, sagt Kirsten, und einen möglichst schmerzfreien Lebensabend. Denn er hat noch Pläne. Sollten ihn weitere Schreibschübe ereilen, würde er die bei quartus erschienenen Gedichte gern aufstocken - vielleicht für einen neuen Band im S.Fischer-Verlag. Noch für dieses Jahr plant er ein 40-Seiten-Bändchen mit "Lesefrüchten". Und dann liege da ja noch einiges in der Schublade - "viel Kleinkram", darunter eine schon vor längerer Zeit angefangene Arbeit über Franz Kafka in Weimar.

Es gebe noch weitere unerzählte Weimar-Geschichten, auch über Buchenwald, die ihm am Herzen liegen, versichert Wulf Kirsten, der seit 1965, als er Lektor im Aufbau-Verlag wurde, in der Klassikstadt lebt. Die Reibung, die die DDR erzeugte, habe der Literatur hierzulande gut getan, sie regelrecht beflügelt, erinnert er sich. Bis heute vermisst er eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Lebensleistung der DDR-Künstler und -Intellektuellen. Autoren wie Christa Wolf, Christoph Hein oder Volker Braun hätten die Ereignisse von 1989 durch ihr kritisches Denken mit vorbereitet. Als freischaffender Autor unternahm Kirsten einen kurzen Ausflug in die Politik, engagierte sich 1989/90 in der Bürgerrechtsbewegung.

Er wolle sich nicht "wie Schmidts Katze aus der Welt schleichen", hat Wulf Kirsten, der viele Talente entdeckt und Dichter gefördert hat, einmal geschrieben. Nein, lieber folgt der Poet jenem schwankend-wankenden alten Weiblein aus einem seiner jüngsten Gedichte: "herbtswärts das leben hinab / stapfentapfer dahin".