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07.10.2006

Weimar-Preis: Gisela Krafts engagierte Rede

von Gisela Kraft TLZ

Ich liebe Weimar. Ich bringe es in ein Bild.

Eine Eule im Anflug, die Schwingen / ausgebreitet, schlägt jäh die Klauen / ins Erdreich und tunkt ihren Schnabel / in einen schmalen Wasserlauf, um zu trinken. / Die Bewegung erstarrt und dauert zugleich, / das Fliegen, das Hocken, Lechzen, die Strömung / des Flusses, die auf die Uferkante gepresste / Kehle des Vogels. Nord- und Südfittich, schräg / abgespreizt. Die Schwanzfedern liegen / dem westlichen Höhenzug an. // Wie - eine Eule? Haben wir Nacht? // Licht genug, um aus gebührender Höhe / ihre Wohlgestalt zu betrachten: den kräftig / gekrümmten Schnabel, nach Morgen zu, / das steingrau schimmernde Federkleid. / Erst wer sich ins Gewirr des Gefieders / hinablässt, vergisst das Bild.

Auf Stellen, die mir gefallen, trage ich ein paar Striche Glanz auf.

Weimar lieben heißt nicht, sich in seinem Goldenen Zeitalter zu vergraben. Das goldene dürfte ich gerechtigkeitshalber fast übergehen. Es tummeln sich dort zur Genüge Eingeweihte und Fabulanten. Oder möchte ich nur den besten Bissen an den Tellerrand schieben? Was liegt davor? Ein Weißes Zeitalter? Weiß, weil ein weißer Fleck auf der Gedächtnislandkarte - Nacht des Vergessens - Absenz in den Feuilletons? Schauen wir unter den Blättern nach. Was entgeht uns da, was könnte uns in mancher akuten Verstörtheit sogar trösten: vermodert, aber Modell geblieben?

Weimar, August 1617. Beim Leichenschmaus im Schloss wird nicht allein der Tod der Herzogin beklagt, sondern zu vorgerückter Stunde das Fehlen einer deutschen Sprachgesellschaft, ja, einer Sozietät, die Edle von Geburt und Edle von Geist zur "Fruchtbringenden Gesellschaft" vereint. Motto: "Alles zu Nutzen." Und im Schwung des Ideenauswerfens wird sie sogleich gegründet. Ein Pionierprojekt in deutschen Landen, nach italienischem Vorbild. Das Deutsche soll gehegt, das Ausländische durch Übersetzung hereingeholt werden. Die Zeiten sind trübe: Ein Jahr später beginnt der 30-jährige Krieg. Sei es drum. "Unsre edle Muttersprache, welche durch fremdes Wortgepränge wässerig und versalzen worden", stiftet unter dem Sinnbild der Palme einen sechzigjährigen, friedlichen Geisterstreit!

Bravo, Weimar! (Wer heute durchs "Atrium" schlendert, der frage im "Welcome-Center" nach einem englischen Lexikon, um die Wegweiser zu verstehen ...) Pflanzlich-friedlich auch die Beinamen, die alle der nahezu neunhundert Mitglieder verliehen bekamen. Sonst hätte einer wohl als "Der Beißende, Der Süßliche, Der Kleberichte, Der Niedergretene, Der Schuppichte, Der Einschläfernde" bis ans Lebensende gekränkt sein müssen. Immerhin, der Dichter Andreas Gryphius hieß "Der Unsterbliche".

Nacht der Gespräche, durchbechert / bis zum Morgengrauen.

Ein Jahrhundert übersprungen und in jener Zeit erwacht, die der Nachruhm in Gold taucht. Wie in einem wunderbar zerlesenen Buch schlage ich eine Seite auf, die mir wenig befingert erscheint. Vielmehr, ich blicke schlicht von meinem Schreibtisch aus dem Fenster, auf die Giebelecke von Herders Haus. Diesem Kollegen bin ich besonders verbunden. Nicht nur, weil er mir bei der Dissertation half, die doch von türkischer Lyrik handelt. Seine "Abhandlung vom Ursprung der Sprache" konnte ich zu der These heranziehen, dass das Material eines Gedichtes über den Inhalt hinaus bis zur Schallform der Wörter reicht. Eine Binsenweisheit. Leider aus der Mode gekommen. Sprache - wieder die Sprache!

Mit Empathie schließt Herder das Wesen fremder Kulturen auf

Dort oben hat er das Werk mit dem langen Titel geschrieben: "Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit". Drin steht, was ich außer der Poesie im Leben beherzigen möchte. Mit tiefer Empathie schließt der Autor das Wesen fremder Kulturen auf, erklärt sie aus ihren Weltgegenden, den Gesichtern der Erde. Was könnte heute, im Umgang mit ""Ausländern"" (das Wort will uns kaum noch über die Lippen), aktueller sein als die hier bezeugte Gesinnung. Ein Werk aus Weimar!

Nun sind Herder und Goethe einander gegen Ende jenes achtzehnten Jahrhunderts zwar eher aus dem Weg gegangen. Doch wenn Goethe anfangs des neunzehnten, dank einer Übersetzung, seinen ein halbes Jahrtausend älteren, aus Persiens Palmenstadt Shiraz stammenden Dichterfreund Hafis entdeckt und ihm den "West-östlichen Divan" widmet, wird wiederum ein und derselbe genius loci durch Goethe sprechen wie durch den einstigen Gefährten Herder.

"Schlaflos in Weimar?""

Welch eine Jahrhundertwende, die zwischen beiden Werken liegt! Zusammenrottung genialer Federführer im Gefieder der Eule. Bereits Mitte November 1799 finden Tieck und Novalis sich ein, um Jean Paul zu besuchen. Anfang Dezember zieht Schiller von Jena nach Weimar. Silvester (der Schönen und Reichen) erstreckt sich über zwei Jahre, von der Nacht zum 1. 1. 1800 bei Anna Amalia bis zu jener zum 1. 1. 1801 bei Hofe, wo Schelling zu Gast war und mit Goethe und Schiller noch weit nach Mitternacht pokulierend gesichtet wurde. Die VIER GROSSEN vor Ort (zwar zähle ich fünf!) wohlauf. Bald darauf schlägt das Wetter um. Das 19. Jahrhundert soll der Stadt zum Säkulum der Musik geraten, es entledigt sich der Vertreter des Wortes. Jean Paul zieht fort. Novalis erliegt in Weißenfels der Schwindsucht. Die Sterbefolge besagter fünf: Herder - Schiller - Wieland - Bertuch - Goethe, welch letzterer am längsten ausharrt: "Faust II" harrt noch der Niederschrift.

In gemessener Frist nach Goethes Tod erscheint Franz Liszt, um zwei Jahrzehnte lang die Bürde des Silbernen Zeitalters zu stemmen. Aber was heißt hier Silber. Wie eine Sonne zieht er Monde an und sogar dann noch nach sich - die Wagner, Berlioz, Richard Strauss -, als er selbst schon mit seinem Licht dem Schatten Weimars unterlegen ist, dem verfitzten Flaum einer Kleinstadt, welchen nur der fühlt, der sie nicht überfliegt, sondern sich darin niederlässt.

Es war die Zeit, da der trinkenden Eule Haubenfedern wuchsen, nach Osten hinaus, mit denen sie den jenseitigen Uferhang streichelte.

Nicht, dass die Sprache klein beigegeben hätte. Rudolf Steiner trifft ein, der spätere Anthroposoph, verliebt und quält sich um Goethe, verfasst in der Stadt seine "Philosophie der Freiheit" - womit auch Freiheit von Autoritäten gemeint ist: der Versuch, seine Weltanschauung noch nicht über die Vorgaben des Hellsehers, sondern aus abendländischem Denken zu entwickeln. Ein Versuch, ein Buch.

Auferstehung, hier, in diesem Theater:

Weimarer Republik

Und zu vorgerückter Stunde sei ein letzter, teurer Gast begrüßt, dessen Sprachgewalt die der verblichenen Dichterfürsten womöglich aussticht. Doch schwieg er bereits. Man brachte ihn zum Sterben hierher: Friedrich Nietzsche. Zwei umnachtete Jahre bis zum Ende, Sommer 1900 - ein Abgang von symbolischer Tragweite, passend zur Finsternis, die sich anschickt, das Land zu verschlucken.

Geister schlafen nicht, sagt man. / Engel oder Sirenen vielleicht - / auf sie mag der Satz zutreffen. / Doch der Zeitgeist ist ein fahriger, abgekämpfter Geselle. Ihm fallen die Augen zu, / bevor er die Tür verschlossen, / die Glut bedeckt hat.

Ein Jahrhundert der Bildenden Künste will aufgehen, ein "Neues Weimar" nach zwei großen Ruhmesepochen die dritte ausrufen. In Goethes "Märchen" folgt dem goldenen und silbernen König der eherne König. Ehern wird das Säkulum werden. Kunst wird es zeitigen und zertrümmern.

Geniale Wegbereiter wählen die Stadt zu ihrem Ort. Aber gegen die Avantgarde obsiegt die Ehrpusseligkeit.

Krieg steht ins Haus, der Unheil über die Menschen bringt, aber die Wände noch heil lässt. Der Kaiser bringt sich um den Thron. Der Großherzog mitgehangen, mit abgedankt.

Dann welche Auferstehung, hier, in diesem Theater! Endlich Republik - wie Herder und Jean Paul sie ersehnt haben. "Weimarer Republik!"

Kaum mehr als ein Jahrzehnt währt der Traum, ehe er in Alpdrücken übergeht, gefolgt von einem schlimmen Erwachen. Braunes Zeitalter - Die Stelle im Bild kann mir nicht gefallen. Ich kleckse nur Punkte, suche davonzukommen, gehöre aber dazu.

Ist meine Liebe zu Weimar entstellt, weil ich sie mit einem allmachtkranken Despoten teile?

Nacht der Geschichte - Café Kaiser, an der Frauentorstraße. "Der Führer" beim germanomanen Schwadronieren über die Weltläufte.

Was macht die Eule. Sie hört / zu trinken auf und schreit - / was Tod und Verderben bedeutet. // Nebendran hat der Reichsadler / sich niedergelassen. Solange / der Kaukasus noch nicht erobert ist, / muss der Ettersberg herhalten. / Prometheus, in Tausende vervielfacht, / an den Muschelkalkfelsen geschmiedet. / So viele Lebern kann der Adler nicht fressen. / Ein Antimythos. Nackte Gegenwart.

9. Februar ´45. Fliegeralarm. Meine Mutter, schwanger, und ich rennen durch die Frauentorstraße in Richtung Sophienhaus. Oberin Cleff, meine Tante, steht aufgeregt im Portal und erwartet uns. Sie hatte uns aus Berlin ins "stille Weimar" geholt. Eine Hölle bricht los, die Weimar so noch nicht erlebt hat. Hunderte sterben. Am nächsten Tag wird mir im Keller des Sophienhauses ein Geschwister geboren.

Einer hielt für mich die Verbindung:

Direktor Wachsmuth

Wenn wir im Herbst jenen Jahres mit dem Baby nach Berlin heimkehren, werde ich Weimar fast achtunddreißig Jahre lang nicht wiedersehen. Eben zurück, März 1983, träume ich nachts von Buchenwald. So heftig, als lebte ich droben, in einem Inferno, das immer noch andauert.

Doch war ich nicht eigentlich, nicht vollständig fort. Es gab eine Person, die die Verbindung hielt. Heute möchte ich ihrer gedenken. Der Zusammenhang tritt erst im Nachhinein seltsam zutage. Ich meine den 1890 geborenen Andreas Bruno Wachsmuth, Präsident der Internationalen Goethe-Gesellschaft 1950 bis 1971. Wenn dieser Mann nicht - jährlich mehrmals - in Weimar weilte, tat er in West-Berlin Dienst als Direktor des Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasiums. Jedenfalls während der Zeit, die ich dort als Schülerin zubrachte. Wachsmuth war ein Held der langen Fristen: zwei Jahrzehnte Präsident allhier, knapp drei Jahrzehnte Schulmeister zu Berlin-Dahlem, gut neun Jahrzehnte auf Erden. Seine Statur, seine Freundlichkeit, seine Rednergabe sind Legende. Er lehrte uns Kolonialgeschichte: ein Drama, dargestellt mit dröhnender Stimme, bebenden Fäusten, fliegenden Kragenecken und gewitternden Augenbrauen. Er hat uns auch einen Goethe-Vortrag gehalten. Im Übrigen wussten wir nichts von Kulturpolitik, noch von seinem Part darin, der sich erst jetzt, von der Zukunft her, als tragende Rolle herausstellt. Andreas Bruno Wachsmuth, beharrlich bis in die Fingerspitzen und begleitet vom Wohlwollen der Weimarer Sachwalter des Klassischen Erbes, führte die Goethe-Gesellschaft als einzige Institution ungeteilt durch die deutsche Zweistaatlichkeit. 1960 verlieh die Friedrich-Schiller-Universität Jena dem Siebzigjährigen die Ehrendoktorwürde und die Freie Universität (West)Berlin den Professorentitel. Zum 80. erhielt er die Medaille der Goethe-Gesellschaft zu Weimar in Gold. Sie war seit vierzig Jahren nicht geprägt worden.

Gegen Ende meiner Schulzeit hatte der "Direx" durchgesetzt, dass ich aus misslichen Familienverhältnissen in ein ruhiges Quartier wechseln konnte. Kurz: Er rettete mein Abitur. Wochen vorher, im Unterricht, stellte er mir eine Frage - zu Novalis! Ich sagte irgend etwas, unterm Tisch strickte ich an einem schwarzen Pullover. Du bist eine weise Frau! sagte er. So kam ich zur Note "gut" in Geschichte ...

Meine Damen und Herren, erlauben Sie mir, dass ich mein Weimar-in-der-DDR auf diese Weise apostrophiere. Erst gegen Ende kam ich wieder her, nächtigte im Aufbau-Verlag (ehemals Café Kaiser) und wanderte von hier aus auf Novalis´ Wegen.

Die Eule trinkt aufs neue / Jahrtausend. Sie hat ihr Gefieder / geputzt. Womit ich mein Luftbild / fahren lasse. Hause ich ja selber / zwischen den Federkielen. Von / hier aus scheint der Himmel / durchsichtig, nicht dunkel.

Dass ich nach alledem, unter frischen Fahnen, mit Sack und Pack in der Altstadt ein eigenes Quartier beziehen würde, wen wundert´s.

Was tun Poeten. Was können sie für Weimar tun. Sie sitzen im Sprachlabor, in alchemistischer Abgeschiedenheit. Es knistert und dampft im Kolben, die Sprache ist das Gold unter den Lebenszeichen des Menschen. Doch Dichters Nutzen als "Bürger" bemisst sich zuzeiten mehr nach seiner Bereitschaft, gestört zu werden. Die "Weimarer Störung" ist ein grundhafter Zug und machte schon dem Ehringsdorfer Urmenschen zu schaffen! Will hier einer Partien des braunen oder nachfolgenden grauen Zeitalters nachspielen, gehen wir mit unserer Rede dazwischen. Dichters Talent mag Phantasie heißen. Sein Pfund ist die Erinnerung. In unserem Gedächtnis liegen Verhängnisse, Frevel, Ideale und versuchte Modelle, der Ettersberg wie die Ilmaue bloß. Sie sind unser Stoff.

Der Anlass des heutigen Feiertages erinnert aber auch daran, wie wach Weimarer Bürger jüngst mit der Geschichte umgehen - wie nahe Kunst und Kommunalsinn mittlerweile zueinander gerückt sind, um den genius loci abermals, wenn nicht gegen Infamie, so doch gegen Ignoranz im Gewand politischer Tolpatschigkeit zu verteidigen. Dieses Haus steht für Schauspiel UND Oper, für Volksmund UND hohen Ton! Wir lassen ihm keine Organe entnehmen! Mein Dank soll darin bestehen, dass ich mich weiter aus meinem Kämmerlein herausholen lasse, dem Ort zuliebe, in dem es gebaut ist.