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16.10.2013

Weimar lädt zur Mitteldeutschen Lyriknacht: Fasernackt in Poesie gehüllt

von Frank Quilitzsch TLZ

Nancy Hünger moderiert die Mitteldeutsche Lyriknacht


Fünf Dichter sind beim Fest der Poesie am 17. Oktober im Festsaal des Musikgymnasiums Schloss Belvedere zu erleben


Weimar. Wer eine Lyriknacht moderiert, muss schwärmen können. Schwärmen für Poesie und für die eingeladenen Dichter: "Ein unglaubliches Debüt", sagt Nancy Hünger über den Leipziger Sascha Kokot (Jg. 1982), der den Vortragsreigen im Musikgymnasium Schloss Belvedere bei Weimar eröffnet. "Da könnte man fast neidisch werden." Neidisch auch auf Kerstin Becker (Jg. 1969), die in "Fasernackte Verse" so unverhüllt und offen Erotik und Liebe verhandele. Und die in Steinbach-Hallenberg geborene, heute in Berlin ansässige Brigitte Struzyk (Jg. 1946) erst - "eine dichterische Kämpfernatur, die sich einmischt!"

Aus jedem Satz, mit dem Nancy Hünger die morgige, von Darbietungen der Musikschüler begleitete Mitteldeutsche Lyriknacht anpreist - es ist die zwölfte mittlerweile - spricht die Leidenschaft einer Organisatorin, die selber Dichterin ist. Da werden schon bei der Auswahl Generationen, Temperamente und poetische Sprechweisen sorgfältig austangiert, "gestandene" Künstler neben Debütanten platziert und der Heimbonus berücksichtigt. Lokalmatador ist diesmal Roland Bärwinkel (Jg. 1958), wissenschaftlicher Mitarbeiter der Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar, dessen in der Thüringer "Edition Muschelkalk" erschienener Band "Bevor es zu spät ist" mit "skurrilen Bildern und überraschenden Wörtern" glänzt, wie ein Kritiker hervorhob.

Auch für Lars Reihers (Jg. 1977) "prächtigen Weltuntergang" kann sich Nancy Hünger begeistern. Der Leipziger werde aus seinem jüngsten Band "Magische Maschinen" lesen. Doch ihr absolutes Highlight, daran lässt sie gar keinen Zweifel, heißt Brigitte Struzyk. Über ihre Gedichte heißt es: "Es sind Energiefelder, sie verfügen über den unbedingten Willen zur Gegenwärtigkeit, haben keine Scheu vor aktuellen Bezügen." Struzyk war von 1970 bis 1982 Lektorin des Berliner Aufbau-Verlags, der damals noch eine Zweigstelle in Weimar besaß.

Stimmen aus Buchenwald

Ja, und dann gibt es in diesem Jahr noch einen Überraschungsgast, verrät die Moderatorin, die diese Funktion in Nachfolge der 2010 verstorbenen Schriftstellerin Gisela Kraft ausfüllt: Die Weimarer Autorin Annette Seemann werde ihre Stimme den toten Dichtern Buchenwalds leihen. "Eigentlich ist das ja mein Part", erklärt Hünger, "und in diesem Jahr hätte ich gern ein Gedicht von Sarah Kirsch vorgetragen. Aber es ist wichtig, dass auch die im Konzentrationslager Buchenwald drangsalierten Dichter bei uns zu Wort kommen, sie gehören zu Weimar."

Donnerstag, 18 Uhr, Musikgymnasium Schloss Belvedere, Eintritt frei