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11.11.2008

Weimar ist überfordert

von Thorsten Büker TLZ

Weimar. (tlz) Als Paul Raabe gestern Morgen gemächlich zum Rathaus schritt, trug er eine unscheinbare Plastiktüte in der Hand. Ihr Inhalt: Der Weimarpreis respektive die Urkunde dazu samt einer schönen Dokumentenmappe. Vor 13 Monaten wurde der Bibliothekar und Literaturwissenschaftler für sein nimmermüdes Wirken für Weimar geehrt. Gestern nun gab er die Auszeichnung aus Protest gegen den Verkauf des Hauses der Frau von Stein zurück inklusive des Preisgeldes von 5000 Euro, das - ginge es nach dem 81-Jährigen - dem Verein Pavillon-Presse gespendet werden sollte - ein bislang einmaliger Vorgang in der Geschichte des Weimarpreises.
Raabe wurde von Stadtkulturdirektorin Julia Miehe und Rathaus-Sprecher Fritz von Klinggräff empfangen und letzterer betonte gleich und ungefragt, dass Weimars OB wegen eines Termins im Bauministerium Raabe nicht begrüßen könne. Zumindest hätten Stefan Wolf und Miehe vor ein paar Wochen Raabe aufgesucht, um "Deutschlands bekanntesten Bibliothekar" den Sachverhalt zu erklären und ihn zum Umdenken zu bewegen. Vergebens, wie seit gestern klar ist. Raabe weilte in Weimar, da er an den Feierlichkeiten zum 65. Geburtstag Lothar Ehrlichs teilnahm. Und zudem wiederholte er sein Credo und ergänzte es leicht: Weimar sei finanziell - und mental überfordert, weshalb es als europäische Kulturstadt eine gesamtstaatliche Aufgabe sei. Im Gespräch mit der TLZ ging es ihm nicht nur um Euro. Er vermisse jenen Zusammenschluss der Chefs der großen Kultureinrichtungen in Weimar, die bis 1999 als "Sieben für Weimar" auch als Korrektiv auftraten. Dieser Rat der Weisen - in seiner Festansprache im Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek forderte Raabe einen Areopag - müsse die Richtlinien für die Zukunft der Kultur im 21. Jahrhundert festlegen. Und dieser Rat müsse sich auch Gedanken machen über das, was den Kosmos Weimar erst vollenden würde: eine Gedenkstätte für die Geschichte der Weimarer Republik, ein Bauhaus-Museum, eine Bundesakademie für kulturelle Bildung und ein Herder-Museum. Der Verkauf des Steinhauses bleibt für Raabe ein Skandal, wobei sich auch die zögerliche Klassik Stiftung Weimar schuldig gemacht habe.