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06.01.2010

Weimar, Hikmet und Novalis

von Angelika Bohn Ostthüringer Zeitung

Gisela Kraft, Schriftstellerin und Dichterin in Weimar, ist gestern gestorben

Gestern früh kam die Nachricht aus dem Kreis ihrer Weimarer Dichterfreunde: Gisela Kraft ist am Morgen in einer Klinik in Bad Berka gestorben. Die 73-Jährige hatte den Kampf gegen ihr schweres Krebsleiden verloren.
Das Leben in vollen Zügen weiter leben. Das antwortete sie in einem Interview zu ihrem 70. Geburtstag auf die etwas uncharmante Frage, ob Lyrikerinnen mit 70 noch Träume haben. Damals war gerade ihr Buch "Planet Novalis" erschienen. Der Roman war Abschluss und Glanzpunkt einer Jahrzehnte währenden Auseinandersetzung mit dem Dichter der Blauen Blume. Gisela Krafts erstes Novalis-Buch "Prolog zu Novalis" war 1990 herausgekommen und das zweite, "Madonnensuite", 1998.

Doch weder Weimar steht am Beginn der Schriftstellerkarriere Gisela Krafts noch die deutsche Romantik. 1936 in Berlin geboren, lernt sie Weimar als Neunjährige kennen. Eltern und Kind hatten in der Kleinstadt an der Ilm in den letzten Kriegswochen Zuflucht gesucht, kehren dann aber in den Westteil Berlins zurück, wo Gisela Kraft aufwächst. Über die kurze Weimar-Episode ihrer Kindheit schreibt Gisela Kraft ein halbes Jahrhundert später ihr, wie Dichter-Kollegen finden, persönlichstes Buch "Rundgang am Neujahrsmorgen", das 2001 in Weimar erscheint.

Ab Mitte der 50er Jahre studiert die junge Frau Schauspiel und Eurythmie, arbeitet dann an verschiedenen Theatern. Schon 1972 drückt sie wieder eine Hörsaalbank, studiert an der Freien Universität Berlin Islamwissenschaft und promoviert 1978 zum Doktor der Philosophie. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Islamwissenschaft der Freien Universität reist sie oft in den Nahen Osten, lässt sich dort zu Gedichten inspirieren und übersetzt die Werke namhafter türkischer Dichter, darunter Nazim Hikmet, ins Deutsche. Vor allem in Ostberlin wird ihre Arbeit als Übersetzerin gewürdigt und so zieht die Westberlinerin 1984 kurzerhand nach Ostberlin, wo sie bis 1997 lebt.

1985 kommt bei Aufbau Gisela Krafts Gedichtband "Katze und Derwisch" heraus. Seitdem hat sie ihren Platz in der "ersten Liga" der DDR-Lyrik. In den 20 Jahre nach dem Mauerfall 2009 erschienenen Anthologien mit Gedichten aus der DDR steht der Name Gisela Kraft ganz selbstverständlich neben Berliner Kiezgrößen, Vertriebenen, Ausgebürgerten und Ausgereisten wie Kirsch, Biermann und Kunze oder ihrem Weimarer Dichterkollegen Wulf Kirsten.

Ab 1997 ist Gisela Kraft Weimarerin mit Leib und Seele. Für ihre Verdienste um das Ansehen der Stadt wird sie am 3. Oktober 2006 mit dem Weimar-Preis geehrt. Über 20 Bücher - Lyrik, Erzählungen, Romane - sind seit gestern nun nicht mehr nur Werk sondern ihr Vermächtnis.