Presse - Details

 
10.11.2003

Weimar: György Dalos liest und redet

von Marc Neller Thüringer Allgemeine

Seine Stimme verleitet vielleicht dazu, ihn misszuverstehen: Dass er zu viel Sympathie zeigt für seinen Romanhelden, einen ehemaligen ungarischen Parteifunktionär, der auf vielfältige Weise daran scheitert, sich im Umbruch von seiner Vergangenheit zu lösen. György Dalos liest aus seinen "Seilschaften". Ein dunkles Raunen, die Worte rollen, perfektes Deutsch mit ungarischer Sprachmelodie, durch die Weimarer Altenburg.Man könnte darauf kommen, dass ein Großvater dem Enkel am Kamin Geschichten von früher erzählt, die im Winter des kalten Kapitalismus Wärme von Nostalgie verströmen. Es hieße, sich von der Mimesis der Stimme täuschen zu lassen und den feinen Humor zu überhören, der den Text durchwebt. Es hieße, Dalos uneingeschränkte Sympathie für seine politisch nicht korrekte Figur zu unterstellen.Das Missverständnis gibt dem Autor Gelegenheit, das Publikum auf Unterschiede hinzuweisen, die er gewahrt wissen will. Zwischen Geschichtsschreibung und Literatur: Ein Schriftsteller, der seine Figuren nicht erkläre, sei ein Moralist. Und zwischen der jüngeren Geschichte in Ungarn und der DDR: "Die DDR wurde verschluckt. Und die Bundesrepublik Deutschland hat noch Verdauungsprobleme."