Presse - Details

 
12.05.2006

Weil dieser Tag nicht in Vergessenheit geraten darf

von Stefan Reisner Freies Wort

LESUNG ? ZUM 10. MAI 1933

SUHL ? Es ist noch gar nicht so lange her, da verbrannten Bücher ? hingeworfen auf große Haufen ? in vielen deutschen Universitätsstädten. Mehr als 20 000 sollen es nach Schätzungen wohl gewesen sein. Am Mittwoch jährte sich die Propaganda-Aktion der Nazis zum 73. Mal. In der Stadtbücherei Suhl erinnerten Autoren von heute an die unmögliche Tat von gestern, die zu denjenigen Ereignissen der neueren deutschen Geschichte gehören, die nie vergessen werden sollten.
Bücherverbrennungen gab es im Lauf der Zeiten schon häufiger. Die Nationalsozialisten beriefen sich bei ihrer Aktion auf das Wartburgfest von 1817. Doch in einem solchen Ausmaß und mit diesem ideologischen Hintergrund war die Bücherverbrennung des Jahres 1933 einmalig. Der Satz von Heinrich Heine: ?Da wo man Bücher verbrennt, wird man auch Menschen verbrennen? sollte in der Zeit von 1933 bis 1945 zu einer bitteren Realität werden, die noch heute fassungslos macht.

?Bücher aus dem Feuer? ? unter diesem Titel stand die Lesung, die nicht nur in Suhl, sondern in vielen anderen bundesdeutschen Bibliotheken am gleichen Abend stattfand. Nach Suhl waren erstmals das ?Literarische Quintett? Thüringen mit Matthias Biskupek, Hans-Jürgen Döhring, Frank Quilitzsch, Landolf Scherzer und Martin Straub gekommen ? nicht nur mit eigenen Texten, sondern mit Werken jener Autoren, die vor 73 Jahren ?den Flammen übergeben? wurden, wie es im Nazi-Jargon hieß. Das Quintett zu einem Sextett erweiternd las auch Hendrik Neukirchner aus Suhl.

Scherzer bemühte Erich Kästner und eine eigene Geschichte, die zum 8. Mai passte. Straub trug zwei Geschichten von Anna Seghers vor, und seinen eindringlichen Essay ?Wandern über dem Abgrund?. Hans-Jürgen Döhring hielt sich an die Lyrik von Else Lasker-Schüler und Gertrud Kollmar. Mit einem Buch, ?das ich auf einem Flohmarkt für zwei Euro gekauft habe?, beeindruckte Hendrik Neukirchner. Der Band versammelt Dokumente, die bei den Nürnberger Prozessen verwendet wurden. Neukirchner las den Brief einer Jüdin, die ihren Lebensweg zusammenfasste, der nun kurz vor seinem traurigen Ende stand.

Matthias Biskupek wiederum hatte das letzte Kapitel aus Kurt Tucholskys Buch ?Deutschland, Deutschland über alles?, sowie die eigenen Texte ?Die Hymne? und ?Demokratie ? Brot des Volkes? mitgebracht. Frank Quilitzsch machte auf den weit gehend unbekannten Autoren Theodor Kramer aufmerksam, dessen Bücher nicht 1933 verbrannt, aber nur sechs Jahre später verboten wurden. Quilitzsch las zwei Geschichten aus seinem Band ?Dinge, die wir vermissen werden. Vom Teppichklopfer bis zum Liebesbrief? und schaffte mit der Geschichte über eine alten Zinkbadewanne und dem Zeitkino einen doch noch humorvollen Abschluss dieser Lesung mit ernstem Hintergrund.

Gern würde Landolf Scherzer an einem Tag, an dem Bücher verbrannt wurden, einmal ein neues vorstellen, sagte der Vorsitzende des Thüringer Schriftstellerverbandes zum Abschluss. Am liebsten eines, in dem Kinder und Jugendliche ihre Erfahrungen mit Gewalt schildern. Der Grundstock dafür wurde am Mittwochabend in der Stadtbücherei Suhl gelegt. 204 Euro ? aus Spenden des Publikums und der Autoren ? zählten am Ende das Literarische Quintett Thüringen und Hendrik Neukirchner. STEFAN REISNER