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22.12.2007

Weihnachtsgeschichte: Bescherung mit Onkel Rudi

von Jörg Dietrich TLZ

Meine Mutter stand in der Küche und wühlte im Innern einer Gans, als Rudi anrief. Danach warfen wir das Telefon weg. Besser hätten wir das Telefon wegwerfen sollen, bevor Rudi anrief. Aber wer kann das wissen. Letztlich warfen wir das Telefon nicht weg, weil Rudi angerufen, sondern weil meine Mutter so hastig reagiert hatte. Sie kontaminierte den Hörer förmlich mit ihren Händen, die von Gänseinnerem trieften. Danach war es allen unmöglich, den Telefonhörer ans Gesicht zu halten. So penetrant riecht das Innere von Gänsen, von Geflügel überhaupt.
Ein bestimmter Geruch verbindet uns auch mit Rudi. Lavendel. Lavendel in vollster Sommerblüte. Schwer. Süß. Alles überdeckend. Vater meinte, es wäre wegen seiner Oma. Bei der ist er aufgewachsen, weil seine Eltern in den Westen gegangen sind. Sie haben das Kind nie raus bekommen. In der Schule soll Rudi dann auch noch gehänselt worden sein. Er rieche nach Hühnerscheiße, hätten sie ihm immer hinterher gerufen. Seitdem überschüttete er sich mit dem einzigen Parfüm, das bei seiner Oma zu finden war. Lavendel. Ein kleines Fläschchen mit großer Wirkung. In meiner Klasse hätte ihm das nichts genützt. Geruch bleibt Geruch.

Mutter informierte tapfer jeden im Haus einzeln, Vater, meine ältere Schwester, Großmutter und mich, dass Rudi angerufen hätte und dass er Weihnachten kommen wolle. Darauf folgte eine allgemeine Panik, verbunden mit Vorwürfen, weil Mutter wieder nicht die Kraft gefunden hatte, ihn abzuwimmeln.

An Heiligabend schmückten wir vormittags im Wohnzimmer den Baum, als es klingelte. Großmutter öffnete, und ein Luftzug verriet uns die Ankunft von Rudi.

Rudi ist mein Onkel, sprich der Mann der Schwester meiner Mutter, besser: der verstorbenen Schwester meiner Mutter. Rudi ist seither allein. Kinder gibt es keine. Und Mutter brachte es nie übers Herz, Rudi seinem Schicksal zu überlassen. Sie fühlte sich ein wenig verantwortlich für ihn, obwohl sie ihrer Schwester, die sie sehr mochte, von diesem Menschen abgeraten hatte.

Man darf sich Onkel Rudi als geschmacklos gekleideten Mittfünfziger vorstellen, der das zwanghafte Bedürfnis hat, beim Reden anderen ständig am Arm zu zupfen, und der von einer derart humorlosen Besserwisserei befallen ist, dass es schlichtweg eine Zumutung darstellte, sich ihm auszusetzen.

Als Onkel Rudi das Wohnzimmer betrat sagten wir: "Guten Tag." Und er sagte: "Warum stellt ihr den Baum nicht in die andere Ecke?"

"Habt ihr nur rote Kugeln? Wie die Amis und Coca-Cola"

Vater schaute mich an, und ich rollte mit den Augen, aber so, dass es Rudi nicht sehen konnte. Onkel Rudi setzte sich im Mantel aufs Sofa, hob sein kariertes Köfferchen auf den Schoß und breitete seine Handflächen über den derben Stoff: "Wir hatten zu Hause violetten und silbernen Baumschmuck. Das sah recht hübsch aus. Habt ihr nur rote Kugeln? Wie die Amis. Daran ist nur Coca-Cola schuld." Vater warf ein Bündel Lametta mit einem Ruck zu Boden und verließ den Raum. Onkel Rudi sagte: "Wir haben früher nach Weihnachten das Lametta einzeln vom Baum wieder abgesammelt. Da wurde nicht einfach alles weggeschmissen wie bei euch heutzutage."

"Aber es ist doch völlig verfitzt", ließ ich mich auf seine Bemerkung ein.

"Weil ihr alle keine Geduld mehr habt. Wir haben sogar den Zwirn wieder geknotet, wenn sich mal ein Knopf gelöst hatte. Aber Schuld an allem ist die Fernbedienung."

"Die Fernbedienung?" fragte ich. "Du hast schon richtig gehört, mein Junge. Die Fernbedienung. Zapp, zapp, zapp." Er lautmalte die letzten drei Worte wie ein kläffender Köter.

Mutter lugte ins Wohnzimmer. "Wo ist Papa?" fragte sie in meine Richtung und in Onkel Rudis: "Willst du nicht ablegen und deinen Koffer auspacken?"

Onkel Rudi schaute gedankenvoll auf seine Hände und merkte erst auf, als Mutter nochmals "Rudi!" rief. "Soll ich etwa auf dem Sofa schlafen? Du müsstest wissen, dass ich diesen furchtbar harzigen Geruch von Nadelbäumen nicht ertrage. Deine Schwester war da anders." Mutter lächelte und sagte: "Ach weißt du Rudi ... Komm, lass uns deinen Koffer hoch ins Gästezimmer tragen. Dann ruhst du dich ein bisschen aus. Ich rufe dich nachher zum Essen." Onkel Rudi ließ entkräftet die Hände vom Koffer rutschen, und Mutter machte eine Kopfbewegung zu mir. Ich hob angewidert das speckige Ding von seinem Schoß, und Mutter hakte ihren Schwager unter.

Als ich mit Mutter wieder nach unten kam, fanden wir Vater in der Küche. Mutter sprach ihn an: "Was tust du da?" Er hatte sich mit dem Oberkörper so weit über den Herd gebeugt, dass er mit dem Scheitel den Fliesenspiegel berührte. Im Backofen schmorte unsere Gans. Vater hatte seine Nase direkt über dem Dunstgitter des Backofens platziert. "Jedes Jahr dasselbe", beschwerte er sich, "ich halte das einfach nicht mehr aus. Und dann dieser Geruch. Furchtbar. Aber hier riecht´s schön. Hier bleibe ich die nächsten drei Tage."

Mutter wandte sich ab: "Mach dich nicht lächerlich."

"Du glaubst nicht, wie mich dein Braten beruhigt."

"Stefan, bitte!"

"Glaub mir, ich war vorhin schon wieder kurz davor, ihm zu seinem Lavendel noch ein Veilchen zu verpassen."

Meine Schwester saß derweil am Küchentisch und kam aus dem Kichern nicht heraus. Vater sagte wieder: "Wenn es nur dieser unsägliche Geruch wäre, hielte man deinen Schwager vielleicht ein, zwei Tage aus. Aber ich kann mich mit dieser Person einfach nicht in einem Raum aufhalten, ohne dass ich dass ich das Gefühl bekomme, ihm wehtun zu müssen."

"Wo ist er denn überhaupt?" fragte meine Schwester. Mutter sagte: "Oben. Er wollte sich ein bisschen hinlegen."

"Wer schläft, sündigt nicht", weisheitelte meine Schwester.

Mutter starrte an die Decke. Meine Schwester schaute nicht von ihrer Mädchenzeitschrift auf und sprang in ihren Gedanken weiter. "Musst du nicht für Rudi was Leichteres" - sie hob die Hände, um Anführungszeichen in die Luft zu malen - "als die Gans auftischen?"

"Quatsch", sagte Mutter, "er isst einfach keine Gans. Seit wann machst du dir Gedanken über andere Leute?"

"Was bekommt er denn?"

"Ich tau ihm das Gulasch von letzter Woche auf", sagte Mutter.

"Das ist doch super", sagte meine Schwester, "da merkt er gar nicht, wenn wir ihm was untermischen."

Mutters Augen wurden so groß wie die einer Manga-Figur: "Wie bitte?"

"Er kriegt zu Mittag ein paar von Omas alten Schlaftabletten"

"Er bekommt zum Mittag ein paar von Omas alten Schlaftabletten untergejubelt. Dann muss Papa heute mal keinen Mord begehen, und der Typ pennt bis sonstwann. Wenn er nachts ausgeschlafen hat, kann er sich selber auf die Nerven gehen und morgen pennt er wieder."

"Spinnst du?" mischte ich mich ein. Mutter sagte: "Ich hör wohl nicht richtig." Und Vater sagte: "Gar nicht so schlecht, die Idee."

Zum Glück war Großmutter seit Rudis Ankunft in ihrem Zimmer verschwunden und bekam von der Debatte in der Küche nichts mit. Ich glaube, sie hätte nie erlaubt, ihre Medizin an Onkel Rudi zu verschwenden.

"Ohne mich", entschied Mutter, "wir haben Rudi bis jetzt jedes Jahr ertragen. Und im Nachhinein war es nie so schlimm, wie ihr behauptet."

"Doch!" tönte es im Duett von Vater und Tochter. Mutter schaute mich an. Ich nickte mit dem Kopf. Und Mutter sagte: "Ich bin das meiner Schwester schuldig."

"Nicht genug, dass das Essen jedes Jahr nach Lavendel schmeckt. Diesen Geruch hat man wochenlang in der Nase. Das kannst du nicht abstreiten. Und es wird jedes Jahr schlimmer", sagte Vater. Und meine oberschlaue Schwester: "Ich hab mal gelesen, dass man sich im Laufe der Zeit immer stärker eindieselt, wenn man den Duft nie wechselt. Weil man immer mehr braucht, um sich selber zu riechen." Vater sagte: "Ich weiß nicht, ob ich mir das antun muss."

Meine Schwester stand auf: "Ich löse einfach mal ein paar Tabletten in Wasser auf."

"Untersteh dich!" drohte Mutter, doch da war sie schon ins Badezimmer verschwunden. Mutter wollte ihr hinterherschimpfen, aber wir hörten Schritte auf der Treppe, und sie unterließ es.

Onkel Rudi betrat die Küche, und eine Weile schwiegen sich alle an. Dann sagte er: "Ich hab Kopfschmerzen. Habt ihr eine Aspirin?"

Mutter nickte stumm und setzte sich in Bewegung, als meine Schwester mit einem Glas milchiger Flüssigkeit in der Hand wieder auftauchte und erschrak. Wir erschraken alle. Außer Onkel Rudi: "Das ging aber schnell. Ist das auch wirklich Aspirin?"

Meine Schwester rührte sich nicht, starrte ihn nur an. Er nahm ihr das Glas aus der Hand und leerte es in einem Zug.

"Ich leg mich wieder hin", sagte Onkel Rudi, "ihr könnt mich ja rufen, wenn das Essen fertig ist." Dann zog er zwei Mal kurz und kräftig die Nase hoch. "Und denk daran, Schwägerin, ich esse keine stinkenden Vögel. Deine Schwester hat das immer gewusst." Mutter nickte, und Tränen liefen ihr über die Wangen. Wir anderen standen ganz still, bis wir eine Zimmertür ins Schloss fallen hörten.

"Seid ihr verrückt?

Warum hat das keiner verhindert?"

"Seid ihr verrückt?" zischelte Mutter. "Warum hat das keiner verhindert?" Meine Schwester stand bleich in der Tür. Dass es so einfach und so wirklich werden könnte, hätte sie wohl nicht gedacht. "Wie viele hast du denn genommen?" fragte Vater. Ich schwieg gespannt. Mein Herz klopfte. Meine Schwester wurde auf einen Schlag rot und fing an zu schluchzen: "Fünf. Ich dachte doch nicht, dass er es wirklich trinkt. Das war doch nur Spaß."

"Fünf", wiederholte Vater heiser, "das kann ihn umbringen." Meine Schwester heulte noch mehr. "Ich kann nichts dafür. Er hat mir das Glas einfach aus der Hand genommen."

"Aber du hättest ihn daran hindern müssen", warf Mutter ihr vor. "Hast du dich dazwischen geworfen?" verteidigte Vater. "Es ging alles so schnell", heulte meine Schwester. Vater sagte: "Wir können nur hoffen."

"Mein Gott", sagte Mutter und blickte nach oben.

Das Haus stank nach Lavendel und Onkel Rudi schlief. Wir hatten vereinbart, halbstündlich nach ihm zu sehen, und hatten auch versucht, ihn zum Mittag zu wecken. Aber er schlief.

Vom Gänsebraten blieb viel übrig, denn das Mittagessen ging recht lustlos über die Bühne. Alle außer Großmutter schauten betreten aus. Außer meine Schwester. Die sah einfach nur verheult aus. Großmutter fragte, ob wir uns gestritten hätten. Wir verneinten im Chor. Sie musste sich damit zufrieden geben, dass Onkel Rudi wegen Kopfschmerzen auf dem Zimmer geblieben war. Mehr verrieten wir nicht.

Nach dem Essen tranken meine Eltern eine Tasse Kaffee. Als Vater Zucker in seine Tasse löffelte, sagte er: "Wird schon gut gehen." Meine Schwester schaute ihn leer an, und Mutter nickte stumm. Großmutter schaute fragend auf Mutter. Die wiederum meinte mit einer kleinen Kopfbewegung, es sei nichts.

Am späten Abend schlief Onkel Rudi immer noch. Wir lagen alle wach in unseren Betten. Großmutter nicht. Großmutter nahm jeden Abend eine Schlaftablette. Der Rest glaubte, die ganze Nacht kein Auge zu gemacht zu haben.

Am nächsten Morgen war Onkel Rudi weg, und keiner hatte etwas gehört.

Als Mutter einen vorsichtigen Blick in das Gästezimmer warf, rief sie erschrocken nach Vater und weckte damit das ganze Haus auf.

Großmutter machte bester Laune für alle Frühstück. Das war ewig nicht mehr passiert. Der Rest der Familie saß übernächtigt am Tisch und machte sich Vorwürfe. Wo es unser Onkel Rudi doch nie leicht hatte im Leben. Und nun wollten ihn nicht einmal mehr die allerletzten Verwandten, die er noch hatte auf der Welt.

Von Rudi haben wir tatsächlich nie wieder etwas gehört. Wir brachten es auch nicht fertig, ihn anzurufen. Aber Weihnachten kann es passieren, dass einer von uns erschrocken aufblickt, weil er meint, einen unverkennbaren Duft in der Nase zu haben.

20.12.2007 Von Jörg Dietrich, 1998/99 der erste Stadtschreiber von Ranis, Referent für Öffentlichkeit und Kultur in Weißensee und Vorstandsmitglied des Verbandes deutscher Schriftsteller in Thüringen