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21.09.2004

'Was da an Melodie drinsteckt'

von Thomas Stridde TLZ

Jena. (tlz) Also doch nicht! Es hat keinen Grund, dass Martin Stiebert gerade jetzt - am kommenden Sonntag, 18 Uhr in der Schillerkirche - Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" dem Publikum nahe zu bringen gedenkt. Jenas bekanntester Vorleser konnte beim Zusammenstellen seines Programms im Frühjahr einfach nicht wissen, dass der große Ben Becker später mit seinem "Berlin Alexanderplatz"-Programm für den 16. September das Volkshaus buchen würde. Dem Becker mal zeigen, wo die Harke hängt - nix da! Und nicht nur, dass Stiebert im Gegensatz zu Becker auf den Einsatz von Berliner Dialekt verzichten wird. - "Also ich als gebürtiger Sachse ..." Auch werde er ein wenig mehr die mythisch biblischen Nuancen des Romans hervorheben, was zur Schillerkirche als Leseort natürlich passe. "Die Ortsbezüge sind wichtig", sagt der 41-jährige Altphilologe und ehemalige Kreuzschüler, der sein Vorlese-Unternehmen seit neun Monaten als Ich-AG betreibt. Döblin sei "nichts fürs Kaffeehaus" (weil Stieberts Stamm-Vorlesestätte doch das Cafe? Central ist). Nicht von ungefähr beispielsweise werde er aus Pasternaks "Doktor Schiwago" abermals in der Schillerkirche (21. November, 18 Uhr) lesen. Da gebe es diese Glaubensfacette - Pasternak, der das Judentum bewusst hinter sich gelassen hat.

Politisches Rindvieh

Querbeet, vielseitig, keine vordergründige Spezialisierung. - Diesen Stempel darf man Stieberts Programm getrost aufdrucken. Also auch Peter Hacks (13. November, Cafe? Central), der zwar Hof-Dichter der DDR-Oberen war, aber einfach gute Texte gemacht habe. "Man kann ein großer Dichter und ein politisches Rindwieh sein." Vermeintlich Schwerverdauliches gehört ebenso dazu. Und so sei ihm gelegentlich gesagt worden: "Bei dir erlebe ich Texte, die ich nie lesen würde." Ja, er denke schon, dass er mit seinem Vorlesen auch anhand der als sperrig verrufenen Texte besser zeigen könne, "wie ihre Sprache beschaffen ist, was da an Melodie drinsteckt. Man kann Wieland vorlesen, ohne dass es langweilig wird."

Viel zaghafter

Das Schiller-Jahr 2005 und Stieberts Beitrag? - Er werde zum Todestag aus dem letztem Dramen-Fragment Demtrios lesen. Dann der Auftritt im ACC Weimar, wo er Schiller als Historiker vorstellt. "Ich werde den Jenaer Schiller nach Weimar tragen."

Wie ist das denn aber mit dem eigenen großen Roman? Drängt danach nicht automatisch, wer so tief in der Literatur steckt? Stiebert: "Wenn man viele große Texte kennt, ist man viel zaghafter. Also ich schaue mir selbst viel über die Schulter." Aber befände sich sein großer Roman am Kochen - würde er dann schon jetzt darüber berichten? Martin Stiebert lächelt milde. "Nein, natürlich nicht."