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25.11.2010

Warnung vor Verödung der Thüringer Theaterlandschaft

von Frauke Adrians Thüringer Allgemeine

An der Arche um acht: Das Rudolstädter Kinderstück läuft auch in Nordhausen. Foto: Peter Scholz

Das Land greift dem finanziell schwer angeschlagenen Theater Gera /Altenburg unter die Arme. 1,088 Millionen Euro Landesmittel sollen bis Ende 2012 an Thüringens größtes Stadttheater fließen, davon 600.000 Euro noch in diesem Jahr, kündigte Kultusminister Christoph Matschie (SPD) am Dienstag in Erfurt an. Damit sei die Insolvenz des Hauses abgewendet. Erfurt/Rudolstadt. Insgesamt benötigt das Theater 1,85 Millionen Euro. Damit sich die Stadt Gera trotz ihrer desolaten Haushaltslage an der Rettungsaktion beteiligen kann, bekommt sie 332.000 Euro vom Innenministerium. "Das Land hilft in einer Notsituation. Diese Ausnahme darf nicht zur Regel werden", mahnte Matschie. Im Zuge von Ermittlungen, unter anderem gegen den Intendanten und den ehemaligen Verwaltungsdirektor, gelte es nun, "ein Konglomerat aus Fehlern und Versäumnissen" aufzuklären. Bedingung für die Hilfe sei ein Konzept für die Zukunft des Theaters, das von den Trägern erarbeitet werde. Im Gespräch sind zum Teil drastische Maßnahmen wie die Entlassung des Opernchores und eine Orchesterverkleinerung. Mit allen Häusern und Trägern würden derzeit Gespräche geführt, parallel werde über künftige Förderschwerpunkte beraten. Debatten, "welches Theater das größte und schönste" sei, seien nicht hilfreich, sagte der Minister mit Anspielung auf Äußerungen des Erfurter Intendanten Guy Montavon.

Steffen Mensching wendet sich im TA-Gespräch gegen das Leuchtturmdenken in der Kulturpolitik

Die öffentlichen Kassen sind leer. Wäre die Bespieltheater-Idee in diesen Zeiten nicht eine Überlegung wert? Nein. Das ist Humbug. Es wäre eine Schwächung der Theaterlandschaft, deren Stärke in der Vielfalt liegt. Die Theater an ihren verschiedenen Standorten bedienen verschiedene Publikumsschichten, verschiedene Sehgewohnheiten und Interessen. In Rudolstadt kooperieren wir erfolgreich mit dem Theater Nordhausen. Die Nordhäuser machen manches anders als wir, aber unsere Häuser ergänzen sich gegenseitig. Wenn ich sage, dass unser Theater in seiner jetzigen Struktur erhalten bleiben muss, dann geht es mir nicht so sehr um Tradition und Sentimentalitäten. Sondern? Das Entscheidende ist, dass unser Angebot durch kein Bespieltheater aufrecht erhalten werden kann. Die Orchester haben strenge Dienstregelungen - wann sollte also ein fremdes Orchester Zeit haben, bei uns aufzutreten? Wenn größere Theater so tun, als könnten sie uns mitbespielen, ist das einfach demagogisch. Die Spielpläne der kleinen Häuser würden veröden, bald stünden hier nur noch Tingeltheater, Drittbesetzungen und Dia-Ton-Vorträge auf dem Programm. Das Kultusministerium spricht von "zukunftsfähigen Strukturen", die zu schaffen seien. Das klingt nach einer Schwächung kleinerer Häuser zugunsten der großen. Es scheint, Herr Montavon kann sich des Beifalls der Landesregierung sicher sein. Das glaube ich nicht. Kultusminister Christoph Matschie hat für seine Kulturpolitik einen völlig neuartigen Ansatz gewählt: Vor der Frage, wie viel Kultur wir uns leisten können, müsse gefragt werden, was Kultur für Thüringen leisten kann. Für Thüringen - das heißt, nicht nur für die großen Städte, sondern auch für die Menschen auf dem Land. Bei der Verleihung des Kulturpreises hat Herr Matschie betont, es gehe nicht nur darum, eine Hauptstadt zu fördern, sondern Thüringen als Kulturland zu entwickeln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er einerseits ein Leitbild Kultur entwerfen und andererseits eine Politik machen will, die diesem Leitbild diametral entgegengesetzt ist. Und wenn es doch so kommt?
Dann müsste sich die Landesregierung die Frage gefallen lassen, ob sie Regionen, die mit Abwanderung und Überalterung fertig werden müssen, auch noch das letzte Hemd rauben will. Wenn man bestimmte Regionen zu Leuchttürmen stilisiert, redet man andere leicht in die Insolvenz. Übrigens ist das Bild von den kulturellen Leuchttürmen sowieso höchst unglücklich. Ein Leuchtturm strahlt für die, die von außen kommen. Die Bevölkerung im Land hat von einem Leuchtturm nichts. Sie sagen es ja: Rudolstadt verliert Einwohner. Warum soll sich ein 25.000-Einwohner-Städtchen ein Theater leisten? Gegenfrage: Mit welcher Berechtigung werden die Leute hier schlechter behandelt als die in Erfurt? Sollten die Kleinstädte vor den Veränderungen kapitulieren oder ihnen etwas entgegensetzen? Kreative Angebote erhöhen die Anziehungskraft von Regionen, für Bürger, Touristen, Unternehmer. Außerdem spielen wir nicht nur für 25.000 Rudolstädter. Unser Publikum kommt aus einer Region, in der etwa 600.000 Leute leben, und da sind unsere Abogruppen aus Weimar und Jena noch nicht mitgerechnet. Wer Kultur nur in Ballungszentren will, der geht von zwei fatalen Annahmen aus: erstens, dass die ländlichen Gebiete und Kleinstädte zwangsläufig veröden, und zweitens, dass dann alle in den Ballungszentren ins Theater gehen. Das können aber nur diejenigen, die zahlungskräftig, fit und mobil sind. Es ist unsere Verantwortung, auch den Älteren ein Kulturangebot zu machen und nicht zu sagen: Sollen die doch zu Hause bleiben und fernsehen. Zu Zeiten der Regierung Althaus standen die Thüringer Symphoniker Saalfeld-Rudolstadt ganz oben auf der Streichliste. Was sagen Sie denen, die Ihr Orchester für überflüssig erklären? Wir kämpfen für die Erhaltung des Theaters in der jetzigen Struktur. Schauspiel plus Orchester, das ist eine Konstruktion, für die kaum theatergeschichtliche Gründe sprechen. Aber wir haben gezeigt, dass daraus eine schöne Partnerschaft werden kann. Etliche Projekte könnten wir ohne dieses Zentaurartige Gebilde nicht machen: unsere Revue "Drunter und drüber" etwa, die wir auch in Berlin gezeigt haben und die auf Arte zu sehen war, und "Die Schicksalssinfonie". Außerdem leistet das Orchester einen großen Beitrag zur musischen Bildung der Kinder und Jugendlichen in der Region. Wenn man das, was unsere Musiker leisten, mit fremden Kräften bestreiten wollte, wäre das viel teurer. Der Abbau der Symphoniker wäre weit mehr als ein Einschnitt im Kulturangebot. Man würde damit in die kulturelle Grundversorgung junger Menschen eingreifen, die nicht nur ihr Orchester verlieren, sondern auch ihre Musiklehrer. Sie haben mehrfach gesagt, wenn die Symphoniker abgewickelt werden, bleiben Sie nicht in Rudolstadt. Ist das Ihr letztes Wort? Ja. Definitiv. Ich werde hier nicht als Abwickler bleiben. Das sage ich nicht deshalb, weil so etwas im Lebenslauf nicht gut aussieht, sondern weil die Schließung unseres Orchesters ein verhängnisvoller Fehler wäre. Ist das Theater in der jetzigen Struktur zu halten, wenn es ab 2013 nicht mehr Geld bekommt? Oder wenn das Land sogar weniger zahlt? Sollte das Land sich noch weiter zurückziehen, dann sind hier die Messen gesungen. Aber unsere kommunalen Träger stehen hundertprozentig hinter uns. Wir werden versuchen, den Kreis der kommunalen Geldgeber zu erweitern. Ich glaube, immer mehr Leute merken, dass es sich lohnt, in Theater zu investieren. Diese Kunstform ist eben gerade nicht durch Internet und neue Medien bedroht. Im Gegenteil: Sie wird wichtiger. Je mehr die Leute vor dem Bildschirm sitzen, desto mehr suchen sie nach Orten, wo sie andere treffen können und wo Kultur von wirklichen Menschen gemacht wird. Ein Theater jetzt abzuwickeln, weil es gerade mit der Finanzierung schwierig ist, ist völlig kurzsichtig. Wir haben den Leuten etwas zu geben. Und wir begreifen uns durchaus als moralische Anstalt - im Sinne Schillers.