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07.11.2006

Wanderer in Poesie-Welten

von Dietmar Ebert TLZ

Jena. (tlz) Ein Thüringer Trio bereicherte am Wochenende den Jenaer Lesemarathon: Peter-Huchel-Preisträgerin Uljana Wolf, die Weimarer Dichterin Nancy Hünger und Hans-Jürgen Döring, bildungs- und kulturpolitischer Sprecher der SPD im Thüringer Landtag - drei Lyriker mit verschiedenen Temperamenten und Schreibweisen stellten Texte vor, die miteinander kontrastierten. Eines verbindet sie jedoch miteinander: Sie sind Wanderer. Nancy Hünger wandert virtuos zwischen Innen- und Außenwelt. Hans-Jürgen Döring wandert "landeinwärts" und findet "Obdach für sein Wort", und Uljana Wolf erkundet polnische und deutsche Kulturlandschaften.
Nancy Hünger setzt aus kleinsten Wirklichkeitspartikeln eine neue poetische Wirklichkeit zusammen. Texte wie "Fische schlafen nie", eine Art lyrischer Prosa, und Gedichte wie "Weimar" und "Sieben Uhr morgens" zeigen, welcher immenser Gestaltungskraft es bedarf, um die Worte aus dem Stimmlosen, Ungebundenen und Ungeformten zur Sprache werden zu lassen. Das ist Literatur in der Tradition von Paul Celan, Renéé Char und Peter Weiss. Nancy Hüngers Debütband "Aus blassen Fasern Wirklichkeit" (edition AZUR 2006) sei allen Lyrikfreunden empfohlen.

Für Hans-Jürgen Döring ist die "wirkliche Welt unabwendbar". Ihr ringt er in oft leisen Tönen seine Gedichte ab und nennt sie "Schöne Aussichten", "Singsang" oder "Obdach". "Erde, ich flieg über Dir", heißt es dort, "Ein Obdach hat gefunden mein Wort." Diese Sehnsucht nach Ungebundenheit ist gepaart mit dem Wissen um die Verletzbarkeit des Wortes.

Uljana Wolf hat in ihren Gedichten den Mut zur großen Metapher, die das Gedicht "die verschiebung des mundes" überwölbt. In "aufwachraum" I und II spielt sie Empfindungen und Assoziationen im postnarkotischen Zustand zwischen Schlaf und Wachen durch. Gedichte wie "lodsz", "herbstspiel" und "an die kreisauer Hunde" geben einen Einblick, wie die Lyrikerin eine fremde Kulturlandschaft für sich erschließt und assoziationsreich ins Gedicht übersetzt. Ihr Gedichtband "kochanie ich habe Brot gekauft" ist als Band 5 der Lyrikreihe kookbooks in Idstein 2006 erschienen.

Der Lyrikabend in der Jenaer Ernst-Abbe-Bücherei erhielt seine besondere Note durch Ragtimes von Scott Joplin und eine Eigenkomposition, die Albecht Berner mit Elan spielte.

! Heute: Jürgen Roth, Ernst-Abbe-Bücherei Jena; Mittwoch: Clemens Meyer, Volkshaus Jena, Kleiner Saal, jeweils 19.30 Uhr