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10.08.2006

Wanderer findet den lyrischen Ton

von Kai Agthe TLZ

Weimar. (tlz) Das Schreiben von Gedichten war eine Passion, die Friedrich Nietzsche (1844-1900) zeit seines Lebens pflegte. Erstaunlich genug, dass er, trotz der Fülle an lyrischen Texten, nie Anstalten machte, sie in einem Band zu publizieren. Gedichte hat Nietzsche, wenn er sie überhaupt veröffentlichte, gewöhnlich in die Prosaschriften der 1880er Jahre ("Fröhliche Wissenschaft" und "Also sprach Zarathustra") einfließen lassen. Und der dilettierende Komponist, der Nietzsche auch war, hat lieber Gedichte dritter Autoren als eigene Texte vertont.
Die beliebteste Ausgabe in der großen Fülle an Sammlungen von Nietzsche-Gedichten ist die erstmals 1964 von Jost Hermand im Reclam-Verlag (West) herausgegebene. Sie hat viele Vorzüge, aber auch einen gravierenden Nachteil: Die philologische Genauigkeit lässt zu wünschen übrig. Das ist nicht Hermands Verschulden. Er konnte damals noch nicht auf die Historisch-Kritische Ausgabe der Werke Friedrich Nietzsches zurückgreifen, an der seinerzeit die beiden Italiener Giorgio Colli und Mazzino Montinari arbeiteten, und er hat auch nicht die nachgelassenen und in Weimar verwahrten Manuskripte Nietzsches konsultieren können. Der Reclam-Verlag muss jedoch gerügt werden, dass er es bis 2006 nicht für nötig befunden hat, die Ausgabe der Gedichte Nietzsches auf einen philologisch korrekten Stand zu bringen.

Inakzeptabel ist ein vor wenigen Jahren im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienener Band von Nietzsches Gedichten, den Johann Prossliner zusammenstellte und mit dem Titel "Heiterkeit, güldene" versah. Der Herausgeber hat sich vorbehalten, die lyrischen Texte Nietzsches nach Gusto zu kürzen, wo es ihm geboten schien. Das ist ein Gebaren, das an die Frühzeit der Literaturwissenschaft erinnert, als der Germanist meinte, sich über den Autor erhaben fühlen zu dürfen. Es ist auch ein Mangel an Sensibilität gegenüber dem Leser, der nicht bevormundet sein will.

Rettung naht: Soeben erschien in der Reihe der "Hundert Gedichte" des Aufbau Verlags ein von Jens-Fietje Dwars erarbeitetes, mit einem Inhaltsverzeichnis und einem Verzeichnis der Gedichtanfänge sowie mit einem ebenso erhellenden wie bündig formulierten Nachwort versehenes Buch mit Nietzsche-Gedichten. Es ist stringent in der Anlage und philologisch genau (um Zweifel auszuräumen, hat der Herausgeber die gedruckten Texte mit den im Goethe-Schiller-Archiv in Weimar verwahrten Handschriften verglichen) und kann deshalb einen nachhaltigen Eindruck vermitteln, wie der philosophische Wandersmann en passant zu einem der wichtigsten Lyriker in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts avancierte.

Nietzsche begann schon als Kind, sich schreibend zu reflektieren. Der 14-Jährige verfasste eine Autobiographie ("Aus meinem Leben", 1858). Die ersten lyrischen Texte, die der Wiedergabe lohnen, hat er bereits im zarten Alter von zwölf Jahren verfertigt. Es sind herrlich ungelenke Widmungsgedichte, die u. a. zum Geburtstag der Mutter Franziska entstanden.

In Schulpforta reift Nietzsche zum eigenständigen Denker. Einen Eindruck davon vermittelt der Aufsatz "Fatum und Geschichte" (1862), in dem einige philosophische Fragen anklingen, die den späteren Philosophen bewegen sollten. Als er anfängt, sich von der romantischen Dichtung, die ihm Stichwortgeber war, zu lösen, findet er zu seinem lyrischen Ton. Es entstehen in Nietzsches Schulzeit ketzerische Texte, so z. B. "Vor dem Kruzifix" (1863). Ein unzweideutiges Zeichen, dass er sich langsam, aber sicher vom christlichen Glauben entfernt.

Das lyrische Schreiben ist auch bei Nietzsche konjunkturell bedingt. In seinen Basler Jahren, da er mit Lehrtätigkeiten an der Universität und Pädagogium eingedeckt ist, entstehen nur wenige Gedichte. Die drei von Jens-Fietje Dwars ausgewählten gehören aber zu den besten. Eine neue Lust am Vers ist erkennbar, nachdem er die Professur niedergelegt und ein Leben als freier Autor gewählt hat.

Zwei Drittel der einhundert hier ausgewählten Gedichte und Sprüche stammen aus dem letzten Schaffensjahrzehnt von 1880 bis 1889. An dessen Ende stehen die "Dionysos-Dithyramben", die Nietzsche kurz vor seiner geistigen Umnachtung wie im Rausch niederschrieb. Sie zeigen abermals einen qualitativ gewandelten Lyriker. Diese Gedichte sind von einer Sprachmächtigkeit, die man erst im Expressionismus wiederfindet.

i Friedrich Nietzsche: Hundert Gedichte. Hrsg. v. Jens-Fietje Dwars. Aufbau Verlag, Berlin, 191 S., 12.50 Euro.