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11.06.2013

Walter Jens ist tot: Kein Anderer kann diese Lücke füllen

von Frank Quilitzsch TLZ

Lange vor seinem Tod begann sein Verstummen: Der Philologe, Rhetoriker und Schriftsteller Walter Jens 2003 in seinem Haus in Tübingen. Vielen galt er als intellektuelles Gewissen. Foto: dpa Foto: dpa

 

Der große Rhetoriker und streitbare Humanist Walter Jens ist tot.

Tübingen. Es war seit längerem still geworden um den emeritierten Hochschulprofessor und streitbaren Intellektuellen, der 2004 an Demenz erkrankt war und sich aus dem öffentlichen Leben hatte zurückziehen müssen. Seine Frau Inge hatte sich aufopferungsvoll um ihn gekümmert und sein Leiden öffentlich gemacht. Zuletzt war es ihr gemeinsamer Sohn Tilman gewesen, der nach dem Fund jener Karteikarte, die des Vaters Mitgliedschaft in der NSDAP belegt, schwere moralische Vorwürfe erhob. Die Frage, warum er - wie noch einige andere - dieses Detail aus seiner Vergangenheit zu verdrängen suchte, hatte eine heftige Debatte ausgelöst, letztlich aber die "moralische Instanz", als die er unter den Intellektuellen der Kriegsgeneration galt und noch immer gilt, nicht erschüttern können.

Am Sonntag ist der Tübinger Gelehrte, bestechende Rhetoriker und leidenschaftliche Fußballexperte Walter Jens im Alter von 90 Jahren gestorben. Er war Mitglied der legendären Schriftstellervereinigung "Gruppe 47" und langjähriger Präsident der Berliner Akademie der Künste und des PEN-Zentrums in Deutschland.

Gab der Redekunst wieder einen Rang

Lange vor seinem Tod begann sein Verstummen. Doch davor lag ein langes, erfülltes Arbeitsleben, in dem sich Walter Jens nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft auch immer wieder gesellschaftlich engagierte. Wie kaum ein anderer hatte der kämpferische Pazifist und moderne Aufklärer, der in Hamburg und Freiburg Germanistik und Altphilologie studiert hatte, das geistige Nachkriegsdeutschland geprägt - zunächst mit Romanen, Dramen und Essays, später auch mit Sitzblockaden vor dem amerikanischen Atomwaffendepot Mutlangen. Vor allem jedoch als scharfzüngiger Publizist, dessen Wort Gewicht hatte, nicht nur unter Freunden und Feinden in der Bundesrepublik, auch bei Studenten und fortschrittlichen Dozenten in der DDR. Dort war er als linker Humanist besonders unter Schriftstellern und Akademikern geschätzt, wofür er sich nach dem Mauerfall mit der Annahme der Ehrendoktorwürde an der Friedrich-Schiller-Universität Jena bedankte.

Damit bleibt sein Name für ewig verbunden: Walter Jens gründete den bis heute deutschlandweit einzigen Lehrstuhl für Allgemeine Rhetorik - an der Universität Tübingen, umgeben von großen Geistern wie Hölderlin, Schelling und Hegel. Seine "Redeschule" wollte er als einen Versuch verstanden wissen, "Fachfragen in Sachfragen und Sachfragen in Lebensfragen zu verwandeln", wie er es formulierte. Er selbst sprach nicht nur im Hörsaal, sondern auch auf Partei- und Kirchentagen. Die Predigt von der Kanzel wollte er als Konkurrenz zum Parlament und zum Fernsehen entwickeln. "Er vermochte es, der Redekunst in Deutschland wieder einen Platz zu verschaffen, nachdem sie von Propaganda, Lüge und Verführung verdorben worden war", lobte gestern Bundespräsident Joachim Gauck .

Ursprünglich hatte der Hamburger Bankierssohn Walter Jens Strafverteidiger oder Prediger werden wollen. Doch auch sein literarisches Schaffen lebt von geschliffenen Formulierungen. 1950 gelang ihm der Durchbruch mit dem Roman "Nein. Die Welt der Angeklagten", eine Anti-Utopie, in der er unter der Erfahrung Hitlers und Stalins vor einer künftigen totalitären Macht warnt. Seiner Liebe zur Altphilologie frönte Jens mit der Übersetzung der Evangelien; er erzählte die "Odyssee" nach und rollte 1975 den "Fall Judas" neu auf, womit er öffentlichen Streit provozierte, den er mochte.

Die Sprache kam ihm abhanden

Hätte Walter Jens nicht auch von seinem NSDAP-Eintritt im Sommer 1942 erzählen können, ja, müssen? Der damals 19-Jährige teilte sich die "Erinnerungslücke" mit bekannten Zeitgenossen wie Siegfried Lenz, Dieter Hildebrandt oder Erhard Eppler. Als die unangenehmen Fragen aufkamen, war er 80 und insistierte auf einen "Irrtum". Freilich ließ ihn sein Gedächtnis nun wirklich im Stich.

Mit Walter Jens bekam die fatale Altersdemenz ein Gesicht. Vor etwa zehn Jahren hatte es angefangen. Die Fragen häuften sich und die lichten Momente wurden seltener, erinnerte sich sein Sohn Tilman. Zu den wenigen Glücksmomenten des hohen Alters gehörte sicherlich, dass die gemeinsam mit Inge Jens verfasste Biografie "Frau Thomas Mann - Das Leben der Katharina Pringsheim" zu Bestsellerehren gelangte. Vor fünf Jahren sei dem Vater die Dunkelheit, die ihn umgab, noch einmal für Momente bewusst geworden, so Tilman Jens, und er hätte gesagt: "Mir ist die Sprache gestorben." Selbst Inge Jens fand keinen Zugang mehr zu ihrem Mann.