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19.04.2008

Wahlheimat: Junge Stadtschreiber in Thüringen

von dpa TLZ

Finn-Ole Heinrich ist glücklich. Seit April ist der 25-Jährige der vierte Erfurter Stadtschreiber und führt ein aus seiner Sicht luxuriöses Leben. "Schließlich lebe ich von Lesungen, Preisen und Stipendien , sagt Heinrich. Und so schwärmt er von seiner Wohnung mitten in der Erfurter Altstadt und den 5000 Euro Preisgeld, die er für seine viermonatige Aufgabe in der Thüringer Landeshauptstadt erhält. Als freier Autor und Künstler ist er gewohnt, ein materiell eher bescheidenes Leben zu führen. Auch wenn man, wie Heinrich, bereits einen ersten Roman veröffentlicht hat ("Räuberhände", mairisch Verlag, Hamburg).
Übers Internet hatte er vom Erfurter Stadtschreiberpreis erfahren - und wurde von einer Jury unter mehr als 100 Bewerbern ausgewählt. Auch deshalb, weil er nicht nur Texte schreibt, sondern auch Filme macht. Zum Abschluss seines Studiums an der Hochschule für Bildende Künste in Hannover muss er noch einen Film schneiden, danach darf er sich Diplom-Künstler nennen.

In Thüringen leisten sich neben Erfurt auch Ranis, Weimar und Gotha einen Stadtschreiber auf Zeit. Die Regeln und Rituale sind ähnlich: Ausschreibung, Auswahl der Texte durch eine Jury, ein Preisgeld zwischen 1500 und 5000 Euro für 100 Tage bis sechs Monate, freies Wohnen und fleißiges Schreiben inklusive. Dazu Lesungen und Auftritte in Schulen.

In Ranis schreibt und liest gerade Friederike Kenneweg. Sie ist die achte Stadtschreiberin. Bis zum 5. Mai wird ihr Nachfolger gesucht. Die fachliche Vorauswahl der eingereichten Texte treffe ein externer Lektor, die Entscheidung über den Preisträger liege bei Vertretern der Stadt und zweier Sponsoren, die das Preisgeld geben und einen Text drucken, der in Ranis entstehen solle, berichtet der Literaturwissenschaftler Martin Straub vom Thüringer Büro zur Autoren- und Leseförderung "Lese-Zeichen .

Weimars erster Stadtschreiber Maik Lippert residierte um den Jahreswechsel 2007/08 drei Monate im Literaturhaus der Stadt. Wann der nächste Bewerber gesucht wird, ist noch offen. Der erste Gothaer Stadtschreiber Christoph Kuhn bezieht zum 1. Mai seine Wohnung für sechs Monate. Die Jury aus Stadtratsvertretern und Autoren vergab an ihn das Kurd-Laßwitz-Stipendium.

Der Erfurter Stadtschreiber Heinrich will in der Stadt vor allem Menschen und ihre Geschichten kennenlernen, Anregungen für neue, eigene Geschichten sammeln. Dabei interessieren ihn extreme Lebens-, Konflikt- und Entscheidungssituationen, die ihn zum Schreiben antreiben.