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20.09.2006

Vulkanisches Sprachtalent

von Ulf Heise Thüringer Allgemeine

Am Freitag erhält der Weimarer Dichter Wulf Kirsten in Koblenz während einer Festveranstaltung der Mainzer Akademie der Wissenschaften den Joseph-Breitbach-Preis, die mit 50 000 Euro höchstdotierte Literatur-Ehrung Deutschlands.

WEIMAR. Das Schwelgen in bürgerlichem Luxus hatte den 1980 verstorbenen Münchner Romancier Joseph Breitbach nicht zur Selbstgefälligkeit verleitet. Schon zu Lebzeiten unterstützte er manchen notleidenden Kollegen mit beträchtlichen Summen und wurde so zu einem der größten Mäzene seiner Zeit. 1977 stiftete der schillernde Bohemien schließlich den Literaturpreis.

Unter den bisher Geehrten sind Reinhard Jirgl, Brigitte Kronauer, Ilse Aichinger und Christoph Meckel, Autoren also, die formal etwas wagen. Wulf Kirsten befindet sich also in bester Gesellschaft. Auch er ist kein Mainstream-Autor. Ihn ziert eine unprätentiöse Art, die heute zu den seltenen Tugenden gehört.

Einen leichten Start hatte Kirsten dabei nicht. 1970 veröffentlichte er in der DDR seinen ersten Gedichtband "bleibaum". Da war er schon 36. Der Autor entpuppte sich bereits in diesem Debüt als ein Schamane des Ausdrucks, als bildersüchtiger Sprachärchologe, Metaphernsammler und Hypnotiseur der Worte, der mit einer Flut packender Rhythmen faszinierte. Rainer Kunze konnte den Lyriker damals getrost als große Hoffnung der DDR-Lyrik feiern. Denn Kirsten revolutionierte das Naturgedicht mit seinem vulkanischem Talent.

Er blieb ein sparsamer Schreiber. Zwischen seinen drei vor 1989 erschienenen Gedichtbänden lagen erhebliche zeitliche Spannen. Da die Erlöse für eine freischaffende Tätigkeit ohnehin nicht genügten, ging er bis 1988 seinem Brotberuf als Lektor im Weimarer Aufbau-Verlag nach, wo er geduldig manche von den Funktionären gebremste Publikation beförderte. In der Wendezeit wurde es eine Weile still um ihn. Erst 1993 meldete er sich wieder mit "Stimmen-schotter" zu Wort, einem melancholischen Band. Auch in "Wettersturz" und "Erdlebenbilder" war Ökologie ein wichtiger Markstein von Kirstens poetischer Weltordnung, doch in erster Linie ging es ihm darum, jene verschwindende Agrarlandschaft zu fixieren, der er zu wesentlichen Teilen seine Inspiration verdankt. Mit der Ästhetik der Trauer beschwört er die alte Heimat als "untergangsland" und "rückzugsgebiet".

In diesen raffiniert komponierten freien Metren, die zum Besten gehören, was ihm bisher gelang, nimmt er Abschied von der Kindheitsflur.