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11.09.2003

Vormittags das Drama, nachmittags Thüringen

von S. B. Ostthüringer Zeitung

Dr. Jerzy Lukosz in Klausur auf Burg Ranis

Die Selbstdisziplin sieht er als eines seiner persönlichen Merkmale: Vormittags schreibt er an seinem Drama, die Nachmittage gehören der Erkundung Thüringens. "Dieser Rhythmus lässt mich in größerem Komfort arbeiten", sagt Dr. Jerzy Lukosz. Der Schriftsteller und Übersetzer aus dem polnischen Wroclaw (Breslau) verbringt eine neuntägige Klausur auf Burg Ranis. Hier arbeitet er an einem Drama, das er bis Ende September als Wettbewerbsbeitrag in Polen einreichen will.

Gegen den "etablierten polnischen Pöbel" schreibt er in dem Werk an, für das der promovierte Germanist die ersten Stunden des Tages in Ranis verwendet. "Wir Polen sind ein strapaziertes Volk", blickt Jerzy Lukosz in die Geschichte zurück. Doch auch die Gegenwart bereitet ihm Sorgen. Er beklagt das Fehlen von Eliten, "die wir verdient haben", und spricht von der polnischen Kultur als "Nischenkultur". Dagegen wendet sich sein Drama, über das er noch nicht mehr erzählen will - Anfang dieser Woche wollten auch polnische Medien am Telefon mehr von der Geschichte um den Aufstieg eines kleinen Typen wissen.

Gegen Mittag taucht Jerzy Lukosz in die Landschaft um den Burgberg und in die Thüringer Kultur ein. "Parallel zu Arbeit am Stück schreibe ich an einer Friedrich-Schiller-Monographie", erzählt er. Zwei Jahre vor dem Jubiläum, der Dichter starb 1805 in Weimar, will Jerzy Lukosz Friedrich Schiller in Polen populärer machen. So war er in dieser Woche mit dem Schriftstellerkollegen Matthias Biskupek zu den Stätten, an denen der deutsche Dramatiker weilte, unterwegs. Vor Ort versucht er den sinnlichen Kontakt zur Realität zu knüpfen, wie er sagt. Nicht alles lasse sich auf dem intellektuellen Weg lösen, vielmehr würden die Spuren des Autoren auch Antworten geben. Dr. Jerzy Lukosz: "Ich glaube an den Genius loci." Diesem Nimbus der Persönlichkeit Schiller geht er in und um Weimar und Jena nach.

Außerdem beschäftigt ihn mit der Arbeit über Schiller auch die Frage nach dem eigenen Leben: "Schiller ist meinem Alter gestorben." Grund genug, den eigenen strengen Rhythmus der Klausur nicht zu durchbrechen. "Ich habe hier so wenige Tage, dass ich keine Stunde verlieren will." Nur mit dieser Disziplin brächten die neun Tage auch Resultate. "Aber mit dieser Philosophie ist es auch möglich, Ranis und Thüringen zu genießen."

In Ranis ist Jerzy Lukosz bereits zum dritten Mal. Den ersten Aufenthalt im Spätsommer 2000 unterstützte wie auch die derzeitige Klausur das Auswärtige Amt finanziell. Ein weiteres Mal hatte Dr. Martin Straub, der Motor der Literatur- und Autorentage auf der Burg, seinen polnischen Kollegen zu einem Symposium in die Burgstadt eingeladen. Er ist glücklich, nun wieder auf Einladung des Verbandes Deutscher Schriftsteller in Thüringen zu sein. Die Herzlichkeit und die Gastfreundschaft, die er bereits vor drei Jahren in Ranis erlebte, fasziniert ihn auch nun wieder. Und er hat seine Bibliothek erweitert, um dann das eine oder andere Buch in seine Vorlesungen an der Beslauer Universität einzubringen. Dort lehrt er - Dr. Jerzy Lukosz hat übrigens über die Tagebücher Thomas Manns 1987 promoviert - ältere deutsche Literatur.

Auf ein Wiedersehen mit Thüringen hofft Dr. Jerzy Lukosz in zwei Jahren. Seine Schiller-Reflexionen würde er gern in die Feierlichkeiten des Jahres 2005 einbringen.