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14.11.2002

Von Trulala nach Lobeda

von Stephan Laudien TLZ

Jena. (tlz) Kultur findet in Lobeda stets ein dankbares Publikum. So wieder zu
erleben am Dienstag Abend, als der Berliner Wladimir Kaminer während des 8.
Lesemarathons im "Lisa" zu Gast war. Die Lesung des Russen, der inzwischen
vielerorts Kultstatus genießt, wollten 230 Besucher hören.

"Chaben sie Fragen, oder soll ich lesen?", so begann Kaminer, der seine
russische Muttersprache bis heute nicht verleugnen kann. - Lesen sollte er, und
so las Kaminer von seinen Reisen in die weite Welt; Reisen, die meist nur in der
Fantasie gelangen. Habe er doch die ganze Welt besuchen wollen, nachdem es
endlich die Reisefreiheit für alle gegeben hatte. Jedoch: "Es kamen Leute aus
aller Herren Länder nach Ostberlin, die uns von zuhause erzählten. Da mussten
wir nicht selbst dorthin fahren."

Kaminer erzählt Alltagsgeschichten, die er mit skurrilen Episoden würzt. So war
er am Weltspartag in Berlin unterwegs, um per Tonband die Töne von
Straßenmusikanten einzufangen. Kostenlos, versteht sich. In Chemnitz erfuhr er,
dass Karl Marx niemals in der Stadt weilte, die jahrzehntelang seinen Namen
trug. Doch heute, so singt es die russische Band "Megapolis", steigt er nächtens
aus dem Sarg und fliegt schreiend und stöhnend durch die Stadt.

Ganz schön schräg

Seine Berichte hat Wladimir Kaminer in der "Reise nach Trulala" versammelt.
Manche der Stories klingen so schräg, dass erhebliche Zweifel am Wahrheitsgehalt
angebracht sind. Doch übel nehmen kann man das dem verschmitzt lächelnden
Erzähler nicht. Kaminer berichtet vom Besuch seiner Tante im Maxim-Gorki-Museum
in Großheringsdorf, von seiner eigenen Reise nach Island. Dort werden die
Schriftsteller schnell depressiv, weil das Bier in der Kneipe zehn Euro kostet.
Eine Depression, vor der Kaminers Leser garantiert gefeit sind.