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06.02.2006

Von Träumen und Menschen

von Rita Specht TLZ

Eisenach. (ep) "Suchen Sie nicht erst nach einer Verbindung zwischen Landolf Scherzer und Goethe. Es gibt keine", sagte Matthias Heber. Er moderierte am Sonnabend die Lesung mit dem Autor des Buches "Der Grenz-Gänger", für das der Schriftsteller 440 Kilometer Fußmarsch auf sich genommen hat. Sieht man einmal von einer klitzekleinen Fahrt im Auto ab, weil es sehr kalt war und der Schnee sehr hoch lag.

Den Grenzgänger Scherzer aus Dietzhausen bei Suhl hatte die Eisenacher Goethe-Gesellschaft im Anschluss an ihre Jahreshauptversammlung eingeladen und damit einen Publikumserfolg erzielt. Der Saal im Hotel Steigenberger/Thüringer Hof war sehr gut gefüllt. Viele Eisenacher wollten den Mann einmal persönlich kennenlernen, der zuletzt im Kreuzfeuer von Leserbriefen der in Eisenach erscheinenden Kirchenzeitung "Glaube und Heimat" stand, wegen angeblicher Nähe zum System, dort aber auch verteidigt wurde. Er müsse niemandem sein Exmatrikulationsschreiben oder seine Stasi-Akte zeigen, sagte der Autor, darauf angesprochen. Er ist mit sich im Reinen.

Landolf Scherzer liest ohne Mikro. Er schleudert die Passagen geradezu heraus, kraftvoll, laut genug und so, dass man auch die Ironie hört. Über Vacha schrieb er nicht so viel, weil ihm zum Schluss die Puste ausging, gestand er. Dass er immer am ersten Haus eines Dorfes links geklingelt hat, um mehr über die Menschen darin zu erfahren, sei kein politisches Bekenntnis. Er hätte auch rechts klingeln können.

Das Cover

So entstand das Cover des Buches: Es war zuerst schwarz-weiß, gefiel Scherzer, aber den Wessis im Verlag nicht. Erinnert an Jammertal, kauft doch keiner. Dann wurde Scherzer auf einem Traktor fotografiert, auf einer Wiese. Schön bunt, gefiel den Verlagsherren. Aber Scherzer nicht. Das Buch heißt immerhin Grenz-Gänger und nicht Grenz-Fahrer. Er, Scherzer, zog den Text zurück. Da lenkte der Verlag ein und das heutige Cover entstand. Ohne Traktor. Scherzer erzählte über seinen Fußmarsch mit Günter Wallraff, über die 50-jährige glutäugige Tochter eines Neapolitaners auf der Westseite seiner Grenzwanderung zwischen Hessen und Thüringen, deren Kummer über die eigene Arbeitslosigkeit ihn anrührte. Und über die 15-jährige Kathleen aus dem Osten, die nach der Schule dringend ein Jahr Party in New York feiern will. Er machte Lust auf sein Buch. Klar war den Zuhörern, dass es nicht gerade voller Zukunftsoptimismus ist. Das will es auch nicht sein. "Der Grenz-Gänger" ist eine Momentaufnahme. Das Buch macht Mut, ehrlich zu sein und aufzuschreiben, was man mit den eigenen Augen sieht und den eigenen Ohren hört.

"Träume kann man nicht treffen, aber Menschen", beschrieb Landolf Scherzer mit einem afrikanischen Sprichwort, was er wollte. Nicht mehr, nicht weniger.