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20.09.2004

Von einem, der auszog, Geschichten zu erzählen

von ddp TLZ

Erfurt. (ddp/tlz) Es war einmal ein großer, bärtiger Mann, der mit vielen Geschwistern aufgewachsen war. Am Abend hatten sie beisammen gesessen und sich Geschichten erzählt. Als der Mann älter wurde, lernte er das Handwerk des Informatikers. Doch es dauerte nicht lange und er sehnte sich nach den Geschichten der Kindertage. Und aus dem Informatiker wurde Andreas vom Rothenbarth, der Märchenerzähler.

Der Werdegang des Erfurter Märchenerzählers mutet selbst wie ein Märchen an. Über Umwege findet der junge Mann sein Glück. Als selbstständiger Informatiker habe er sehr gut verdient, sagt er. Aber "die fette Kohle machen und abends nicht mehr wissen, was eigentlich das Wichtige ist auf der Welt", missfiel Rothenbarth irgendwann. 1993 meldete er ein Gewerbe als Märchenerzähler an, zunächst als Nebenbeschäftigung. Heute erzählt er nur noch Märchen. Denn mit Arbeit verbringe man so viel Zeit des Lebens, dass man die machen sollte, die wirklich Spaß mache.

Für Rothenbarth ist das Märchen aber mehr als Kinderbelustigung: "Es ist eine Lebensphilosophie." Märchen, das heiße geborgen sein. Es bedeute zudem, dass man sich gegenseitig noch was zu erzählen habe. Märchen seien aber auch Sprachvielfalt und ein Entwicklungsvorteil für Kinder. Die Grimmschen Texte wiesen etwa 20 000 verschiedene Wörter auf, schätzt Rothenbarth. Das reiche Vokabular wirke auf die kleinen Zuhörer. Außerdem fordere die knappe bildhafte Sprache pausenlos die Fantasie heraus.

Die Mär von den alten Mütterchen, von denen Jacob und Wilhelm Grimm die Volkssagen aufgeschrieben hätten, entlarvt Andreas vom Rothenbarth als Marketingtrick der Brüder. Keine alten Damen hätten die Stoffe geliefert, sondern junge Mädchen unter 20 Jahren aus Hugenottenkreisen. Sie kannten die europäischen Märchen - aufgeschrieben von Charles Perrault - und gaben sie an die Grimms weiter. Jacob und Wilhelm hätten das Märchen dann "groß aufgezogen", sagt Rothenbarth. Ihr "Stil Grimm", eine Sprache nur für Märchen, lasse sich gut erzählen.

Bei Rothenbarth sind etwa 60 bis 70 Märchen abrufbereit. Welche er letztendlich erzähle, das entscheide trotz aller Vorbereitung der Moment, in dem er dem Publikum in die Augen sehe. Märchen aus dem irisch-keltischen, skandinavischen und russischen Kulturraum lägen ihm auch ganz gut, erklärt der Erzähler. Es sei wichtig, vertraut mit den anderen Kulturen zu sein, um deren Märchen erzählen zu können. "Das Märchen muss ein Stück von einem selbst sein, bevor man es erzählen kann." Rothenbarths Lieblingsmärchen ist ein "männliches Stück": "Der Eisenhans" handelt von einem jungen Mann, der oft scheitert, bis er am Ende König wird. Damit beeindrucke er auch so manch "harte Jungs". Plötzlich vergäßen sie ihre Aggressionen. Umso bedenklicher findet es Andreas vom Rothenbarth, wenn er einen Achtjährigen trifft, der Rotkäppchen nicht kennt. All die tausend Sachen, die es heutzutage für Kinder gebe, die Strom bräuchten und jede Menge Effekte erzeugten, stünden in einem deutlichen Gegensatz zur Ruhe, die er in den Märchenrunden bewusst herbeiführe.

Im thüringisch-sächsischen Raum gibt es weitere Märchenerzähler. Die Treffen mit ihnen sind für Rothenbarth das Fundament seiner Arbeit. Dabei könne er ernsthaft über Inhalte reden und auch wissenschaftliche Erkenntnisse besprechen, die zumeist von der europäischen Märchengesellschaft kämen.

Andreas vom Rothenbarth möchte angesichts von neumodischen Märchenverfilmungen und Persiflagen die Originale in die Welt bringen. Unverfälscht und natürlich, aber doch auf besondere Weise soll das geschehen: "Ich will schon die Seele erreichen." Dann kommt es auch mal vor, dass eine Gruppe knallharter Finanzdienstleister auf Rothenbarths Märchenteppich anfängt zu weinen. Und genau das sei ja auch das Aufregende am Märchen: "Da passiert immer wieder Unerwartetes und das Märchen geht immer wieder neu aus."

www.rothenbarth.de