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10.10.2002

Von der Insel zum Knoten im Wissensnetz

TLZ

Bibliothken befürchten Reduzierung - Klartext zum Sparen

Erfurt. (ddp/tlz/ger) Die Bibliotheken befürchten wegen der Finanznot des Landes und der Kommunen eine Reduzierung ihres Angebotes. Wegen angekündigter Personalreduzierungen fielen immer häufiger Öffnungszeiten weg, kritisierte die Vorsitzende des Landesverbandes der Thüringer Bibliotheken, Heidemarie Trenkmann, beim 8. Thüringer Bibliothekstag in Erfurt. Die Vertreter der wissenschaftlichen Bibliotheken kritisierten den neuen Hochschulpakt mit dem Wissenschaftsministerium. Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski (CDU) räumte ein, dass im neuen Doppelhaushalt die Mittel für öffentliche Bibliotheken gekürzt würden. Die Einrichtungen blieben aber arbeitsfähig.

Vom vorgegebenen Öffnungsplan der Büchereien weiche die Realität immer weiter ab, sagte Trenkmann. Durch die sinkenden Zuwendungen der öffentlichen Hand und enorme Preissteigerungen werde zudem der Einkauf von Büchern und neuen Medien erschwert. Die Befürchtungen der Bibliotheken um ihr Angebot wurden vom Kulturdirektor Erfurts, Jürgen Bornmann, anhand des städtischen Haushaltes belegt. Um insgesamt 750 000 Euro einzusparen, seien unter anderem Personalreduzierungen und kürzere Öffnungszeiten geplant. Von den 130 Angestellten in Erfurter Bibliotheken zu Beginn des Jahres würden möglicherweise zum Jahresende 60 übrigbleiben. 20 Stellen seien bereits im Vorjahr gestrichen worden. Die Bibliotheken würden aufgrund einer Analyse vorrangig in den besucherstärksten Zeiten geöffnet. Die Schulbibliotheken blieben nachmittags geschlossen.

Für Christoph Eichert, Präsident des Deutschen Bibliotheksverbandes und Oberbürgermeister von Ludwigsburg, ist beim "Spagat zwischen Wollen und Können" vor allem "die Betrachtung der Wirklichkeit" gefragt: Wieviele Stadträte haben denn einen Ausleih-Ausweis? - so fragt er. Und: Wer sparen müsse, solle die Folgen nicht vor den Bürgern zu verheimlichen suchen. "Wir müssen sagen, was nicht mehr geht", plädierte er für Ehrlichkeit. Und Klartext hatte er auch für die Bibliotheken parat: "Das sind keine Inseln sondern Knoten im Netz", machte er deutlich, welche Rolle Büchereien im Informationszeitalter spielen.

Die Vizepräsidentin der Universität Erfurt, Ursula Lehmkuhl, fürchtet für die wissenschaftlichen Bibliotheken einen internen Verteilungskampf um Geld. Der neue Hochschulpakt, der der Hochschulleitung künftig freie Hand bei der Verteilung ihrer Mittel gebe, belasse die Zuwendungen für die Bibliotheken auf dem Niveau des Vorjahres, kritisierte Lehmkuhl. Unterstützung erhielt sie vom Direktor der Universitätsbibliothek der Bauhaus-Universität Weimar, Frank Simon-Ritz. Im vergangenen Jahr habe die Bücherei umgerechnet eine halbe Million Euro reguläre Haushaltsmittel erhalten. Gebraucht werde aber das Doppelte. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass die Universität auf der Grundlage des Paktes jetzt ihre Zuwendungen erhöhe.

Schipanski wies die Kritik der wissenschaftlichen Bibliotheken zurück und forderte die Bibliotheken angesichts der Finanznot zu mehr Kooperationen und Vernetzungen auf. Büchereien in der Region sollten ihre Bestände, Einkäufe und Öffnungszeiten aufeinander abstimmen. Einsparungen seien auch durch die gemeinsame Nutzung von Datenbänken möglich. Die Bibliotheken sollten sich künftig verstärkt als Dienstleistungseinrichtung für das gesamte Bildungssystem einer Region verstehen.