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16.09.2009

Von amüsant bis pornographisch

von Schaarschmidt Ostthüringer Zeitung

Sprechsteller Martin Stiebert liest zum Schiller-Tag von Theaterherbst und Bibliothek

Greiz (Schaarschmidt). Kein Handschuh, wohl aber der Dank, Herr, sei Ihnen gewiss. Und er kam für Martin Stiebert in Form von Applaus.
Am Montag gastierte der selbstbezeichnete "Sprechsteller beim XVIII. Greizer Theaterherbst. "Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe! , betitelte er seine schillernde Lesung zum Werk Friedrich Schillers und vor allem zu dem, wie es von den Brüdern Schlegel über Bertolt Brecht bis Lene Voigt parodiert wurde. Den gut 100 Gästen bescherte der studierte Philologe, Archäologe, Kunsthistoriker und Germanist einen kurzweiligen, amüsanten und zugleich anspruchsvollen Abend.

Das zuweilen triefende Pathos in den Balladen und Texten Schillers war schon zu seinen Lebzeiten Anlass zu Ironie, die jedoch bis ins Heute hinein stets mit Achtung vor der literarischen Leistung des Dichters einhergeht. Daran ließ auch Stiebert keinen Zweifel.

Dunkler Anzug, ovale Brille, durch die oder über die er je nachdem mit bedeutungsschwerem Blick schaute, zwischendurch am Rotwein nippend, und immer mit den Händen gestikulierend, das Gewicht der Worte tragend, nahm er sich im Besonderen den großen Balladen Schillers an. Doch, wie gesagt, Stiebert rezitierte nur in Ausnahmen die Originale von "Handschuh über "Bürgschaft bis "Glocke . Zum Zuge kam viel öfter eine großartige Mundartdichterin: Lene Voigt. Wie keine andere hat sie sich zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts dem Schaffen der großen Literaten angenommen und deren Werke in sächsische Mundart und amüsante Kurzfassungen übertragen. Eine zwar nicht von Voigt stammende, aber ultrakurze Fassung der "Glocke durfte nicht fehlen: "Loch in Erde, / Bronze rin. / Glocke fertig, bim, bim, bim . Auch dass es von Franz Castelli eine Hardcore-Porno-Variante der "Glocke gibt, verschwieg Stiebert nicht. Verschwiegen still waren an diesem Abend ohnehin nur die wohl gesetzten Pausen in der von Stieberts großartiger Vortragskunst und seinem umfangreichen Fachwissen getragenen Lesung.

Den Titel der Lesung hat sich der "Sprechsteller von August Wilhelm Schlegel geliehen, der Schillers "Lob der Frauen verballhornte und eben schrieb: "Ehret die Frauen! Sie stricken die Strümpfe! Was Stiebert unter diesem Motto zusammen trug, ist weniger Schenkelklopfer-Klamauk, sondern vielmehr eine sicher satirische, aber nicht minder intellektuelle Auseinandersetzung mit Schillers literarischer Arbeit. Und es taugt durchaus dazu, Interesse und Neugier auch und speziell auf das nicht parodierte Werk des großen Dichters und Goethe-Freundes zu wecken.Glaube! Liebe! Hoffnung!° XVIII. Greizer Theaterherbst