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06.01.2005

Vom 'U-Boot' bis zum Grenzgänger

von Frank Quilitzsch TLZ

Erfurt. (tlz) Der Kopftuchstreit, Frauen in der rechten Szene, Widerstand im Nazireich, Juden im deutschen und internationalen Fußball, die Vertreibung von Deutschen und Polen im 20. Jahrhundert, ziviler Ungehorsam in der DDR, radikaler Umbau des Sozialstaats - die Themen sind vielfältig und brisant. Mit ihrer Reihe "Das politische Buch im Gespräch" trifft die Thüringer Landeszentrale für politische Bildung auch im ersten Halbjahr 2005 den Nerv der Zeit, zumal von Wolfgang Engler bis Friedrich Christian Delius kompetente, streitbare Autoren für die landesweiten Lesungen und Diskussionsveranstaltungen gewonnen wurden.

Auch in finanziell schwierigen Zeiten werde an Bildungsschwerpunkten nicht gespart, umreißt Referatsleiter Peter Reif-Spirek die Position des Veranstalters. Mit 39 Auftritten in 18 Städten von Januar bis einschließlich Juni wurde die vor allem an junge Leute gerichtete Reihe im Vergleich zum zweiten Halbjahr 2004 sogar noch erweitert. Die eingeladenen Autoren setzen sich mit der NS- und SED-Diktatur bzw. dem DDR-Alltag auseinander oder wenden sich drängenden Problemen der Gegenwart zu: "Was ist Antisemitismus?", "Wie funktioniert Politik?" oder "Bürger ohne Arbeit" .

Die Auftaktveranstaltungen mit Götz Aly in Erfurt, Regina Scheer in Jena, Wolfgang Benz in Nordhausen und Eugen Hermann-Friede, der sein Buch "Abgetaucht! Als U-Boot im Widerstand" an mehreren Thüringer Schulen vorstellt, gruppieren sich um den Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar.

Breiter Politikbegriff

Mit ihrem weit gefassten Politikbegriff, der Kunst, Alltagskultur und neben dem Sachbuch auch Belletristik einschließt, spricht die Landeszentrale einen breiten Kreis von Interessenten an. Ines Geipels bei Rowohlt erscheinender Roman "Heimspiel" über eine junge Frau, die 1989 über Ungarn in den Westen geht (5. bzw. 7. April in Erfurt und Heiligenstadt), Stephan Krawczyks romanhafte Autobiografie "Der Narr" (24. Februar in Eisenberg) als auch die von Elisabeth Lüdde aufgezeichneten Erinnerungen des Schriftstellers Siegfried Pitschmann (15. März in Suhl) dürften auf viel Publikum treffen.

In den ersten Junitagen wird sich der "Grenzgänger" Landolf Scherzer eine Verschnaufpause gönnen, um in Ummerstadt und Schleusingen aus seinen Aufzeichnungen vom Alltag entlang der ehemaligen Thüringer Grenze zu lesen. Scherzer wandert seit fünf Monaten den 440 Kilometer langen Grenzstreifen ab und berichtet in Etappen von seinen Erlebnissen in der Südthüringer Tageszeitung Freies Wort. Da der Autor rechts und links des Weges in die Städte und Dörfer schaut, um mit den Menschen zu sprechen, wird er am Ende bis zu 1000 Kilometer in den Knochen haben. Der Berliner Aufbau-Verlag will das monatlich wachsende Mosaik deutsch-deutscher Befindlichkeiten unter dem Titel "Der Grenzgänger" zum 15. Jahrestag der deutschen Einheit als Buch herausbringen.