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06.04.2010

Vom Mut, Ich zu sagen: Eine erschütternde Nachkriegs-Familiengeschichte

von Martin Straub TLZ

Der Titel von Marie-Elisabeth Lüddes Familiengeschichte "Vati und Mutti" mag vorerst irritieren. Der nach Harmonie süchtige Leser sei gewarnt. Ihn erwartet keine Familienidylle im sanften Licht der Wohnzimmerlampe.


Die 1951 in Magdeburg geborene Autorin hat anderes erfahren. Sie fragt mit ihren Kindheitserinnerungen und der Geschichte bzw. Vorgeschichte ihrer Eltern, wie sich das "Jahrhundert der Extreme" (E. Hobsbawm) im Innenraum ihrer Familie niederschlägt. Dieses Jahrhundert mit seinen Vertreibungen und Fluchten, mit seinen Entwurzelungen und Erniedrigungen.

Das überlebensgeschädigte Elternpaar war über Jahre getrennt von Tisch und Bett. Der Vater war mehr als 1000 Tage im Krieg. Nach 1945 ziehen sie "einen Schlussstrich. (...) Die alte, böse Welt ist vergangen." Sie nennen sich Vati und Mutti, ihre Kinder Michi und Lisi. Sie führen getrennt Tagebuch. Doch diese Tagebücher sind keine Orte der Ich-Findung, sondern die Zitate aus ihnen kennzeichnen einen Ich-Verlust. Die Diminutive sind quälend. So sehr "Vati" und "Mutti" dieser "bösen Welt" entkommen wollen, es gelingt ihnen nicht. Für sie endet dieser Krieg "erst mit ihrem Tod".

Vor dem Leser entsteht eine traurige Kindheit. Immer wieder Ängste, immer wieder Schläge. Die Trostlosigkeit dieser Welt mag an die "Trümmerliteratur" eines Borchert oder frühen Böll erinnern. Freilich, da ist kein "Haus ohne Hüter". Der aus dem Krieg heimgekehrte Wehrmachtsoffizier "haut mit dem Teppichklopfer" und "Mutti schlägt mit dem Kochlöffel". Den Kindern soll das Ich ausgetrieben werden. Sie hassen die Eltern.

Mit 84 bricht Mutter ihr "Schweigegebot"

Die Gründe für dieses Elend erfährt der Leser vor allem im zweiten Teil des in siebzehn episodische Kapitel untergliederten Bandes, der sich mehr und mehr auf die Kriegs- und unmittelbaren Nachkriegserlebnisse der Eltern konzentriert. Mit 84 Jahren hebt die Mutter ihr "Schweigegebot" auf und erzählt der Tochter "ihr ganzes Leben auf Tonbandkassette. Sie redet eine Woche lang. (...) Es ist eine große Erleichterung für Mutti zu sprechen."

Marie Elisabeth Lüdde tut gut daran, aus einer behutsamen, eigensinnigen Distanz zu schreiben. Sie fungiert nicht als Ich-Erzählerin. Die Qualität ihres Erzählens resultiert aus dem Arrangement von Erinnerungsepisoden, Tagebuchnotizen und sparsam gegebenen historischen Fakten. Sie verzichtet auf allwissende Kommentare. Sichtbar wird so, was "Vati" und "Mutti" verdrängen und nicht laut werden lassen. Die Mutter wird ihren Mann "niemals gefragt haben, was er in Warschau getan hat".

Doch die Nachgeborene sitzt nicht zu Gericht. Episoden, manchmal nur Sätze sprechen für sich. Etwa das "Sonntagsritual", wenn "Vati" noch bis 1965 als Schlachtenlenker die Mittagstafel nach dem Essen in ein Kampffeld verwandelt. Marie-Elisabeth Lüdde muss erzählen, um ihrer Geschichte habhaft zu werden. Zugleich bedeutet sie uns Zeitgenossen, auf welch eigentümliche Weise das eigene Tun und Lassen mit dem Gang der Geschichte kollidiert, und dass es Mut braucht, Ich zu sagen.

Marie-Elisabeth Lüdde: Vati und Mutti. Eine Familiengeschichte, Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen e.V., hrsg. v. Kai Agthe, Wartburg Verlag, Weimar, 91 S, 11 Euro