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15.11.2002

Vom Alptraum der Erinnerungen

von Stephan Laudien TLZ

Lesemarathon: Gabriele Stötzer las aus "Die bröckelnde Festung"

Jena. (tlz) Erinnerungen können verstörend sein, sie können weh tun, manchmal sogar verletzen. Vielleicht war das der Grund, weshalb am Mittwoch Abend gerade mal 30 Karten verkauft worden sind, als Gabriele Stötzer ihren Part des Lesemarathons bestritt.
Auf Einladung der Landeszentrale für politische Bildung stellte die Erfurter Autorin ihr Buch "Die bröckelnde Festung" vor, eine Auseinandersetzung mit der eigenen und der Vergangenheit dieses Landes. Ein Jahr lang saß Gabriele Stötzer aus politischen Gründen im Frauengefängnis Hoheneck. Mit 23 Jahren inhaftiert, musste die Autorin 1977 ihre Strafe absitzen. Sie schildert ihre ersten Eindrücke im Knast, erzählt von "Gruppen von grauen Men-
schen, die kadettenmäßig gedrillt wurden". Sie erzählt von den Entwürdigungen, die sie als Gefangene erdulden musste. Von einer Eingangsuntersuchung, bei der ihre Körperöffnungen "nach Filzläusen und versteckten Kassibern " durchforscht wurden.
Gabriele Stötzer' schreibt von den strengen Hierarchien im Knast, von Versuchen der anderen, ihre Grenzen auszuloten. Zugleich handelt ihr Buch davon, wie sie sich in ihre Kindheitserinnerungen flüchtet, sich abschottet gegen die Welt da draußen. Wobei Alpträume nicht ausbleiben, angesichts der "höhlenhaften Stickigkeit", wie sie schon in der Zugangszelle herrscht.
Die Gefangene steht zuweilen außer ihrem Selbst, sieht sich wie im Fieber agieren. So schwebt sie im Gerichtssaal über sich, beobachtet die Szenerie von oben. Involviert und zugleich unbeteiligt. Stötzers Buch beschreibt Grauzonen der DDR-Realität.
Wurden doch Kriminalfälle wie politische Delikte zummeist einfach totgeschwiegen, konnte nicht sein, was nicht sein durfte. Die Gefangene hat Mörderinnen kennengelernt, deren teils haarsträubende Geschichten gehört. Geschichten von Frauen, die ihre Männer getötet hatten, von Unglücklichen, die sich selbst und die Kinder töten wollten, dennoch überlebt haben.
Obwohl die Haftzeit über 20 Jahre her ist, hat Gabriele Stötzer nicht in der "Ich"-Form geschrieben. Um sich und den Leser zu schützen. Denn obwohl die Zeit Wunden zu heilen vermag, verstören ihre Erinnerungen den Leser bis heute. Ein deutliches Signal gegen Ostalgie ...