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30.04.2009

Volker Braun: Drei Literaturwissenschaftler haben den Schriftsteller über vierzig Jahre begleitet

von Frank Quilitzsch TLZ

Volker Braun: Drei Literaturwissenschaftler haben den Schriftsteller über vierzig Jahre begleitet
Volker Braun im Spiegel seiner Kritiker: Dem Dichter und Büchner-Preisträger, der am kommenden Donnerstag 70 Jahre alt wird, wurde ein Arbeitsbuch gewidmet. Foto: ddp
Volker Braun im Spiegel seiner Kritiker: Dem Dichter und Büchner-Preisträger, der am kommenden Donnerstag 70 Jahre alt wird, wurde ein Arbeitsbuch gewidmet. Foto: ddp
In gewisser Hinsicht könnte man diesen Band, der zum 70. Geburtstag des Dichters, Schriftstellers, Dramatikers und Essayisten Volker Braun erscheint, als ein publizistisches "Familienunternehmen" betrachten, denn sowohl die Herausgeber - Ingrid Pergande-Kaufmann und Ulrich Kaufmann - als auch der verstorbene Hauptbeiträger Professor Hans Kaufmann (einer der bekanntesten Germanisten der DDR) stehen in verwandtschaftlichem Verhältnis. Das vorliegende Werk richtet sich jedoch an eine breitere literaturinteressierte Öffentlichkeit, und ihm gebührt schon daher ein großes Verdienst, weil eine umfassende Würdigung des sprachmächtigen Büchner-Preisträgers, der seit mehr als vier Jahrzehnten den deutsch-deutschen Literaturprozess wesentlich mitbestimmt, längst überfällig war.

Die vorliegende Sammlung von Aufsätzen, Interviews und Rezensionen begleiten Brauns Schaffen vom Ende der sechziger Jahre bis in die Gegenwart. Deutlich wird, wie der 1939 in Dresden geborene Autor der "Unvollendeten Geschichte", des "Hinze-Kunze-Romans", von Gedichtbänden wie "Training des aufrechten Ganges" und "Langsamer knirschender Morgen" oder der Dramen "Tinka" und "Die Übergangsgesellschaft" zu allen Zeiten couragiert die Frage nach den Möglichkeiten geschichtlichen Handelns stellt.

Volker Brauns Werk habe "sich der Zeit ausgesetzt" wie kaum eines, bekannte einst die Schriftstellerin Christa Wolf. Seine ungeduldige gesellschaftskritische Poesie hatte es unter der DDR-Zensur schwer, überhaupt gedruckt oder aufgeführt zu werden. Nach der "Wende" wurde Braun ein "Kritiker der neuen Illusionen", der mit Büchern wie "Auf die schönen Possen" (2005), "Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer" (2008) zeigt, dass er von seiner widerständigen poetischen Kraft nichts verloren hat.

Das Spektrum der 23 in den Band aufgenommenen Aufsätze und Besprechungen - darunter etliche in der TLZ erschienene Beiträge und ein für die Zeitung geführtes Interview - reicht von Hans Kaufmanns Erörterung der Aufführung des Stücks "Hans Faust" durch Fritz Bennewitz 1968 in Weimar über ein Arbeitsgutachten zu Brauns "Hinze-Kunze-Roman" von 1982 bis zur Premierenkritik zu seinem in Kassel uraufgeführten Stück "Limes. Mark Aurel" 2002. Auch alle späteren Buchveröffentlichungen werden mit Kritiken erfasst.

Die Beiträge sind chronologisch angeordnet. Für den Band wurde eine Bibliografie der Erstdrucke und Uraufführungen Braunscher Werke erarbeitet. "Es spricht für die Autoren dieses Bandes, dass sie die Beiträge bis 1989 im Nachhinein nicht klüger gemacht oder geglättet haben und sie in ihrem sprachlichen ,DDR-Gestus´ beließen", schreibt der ebenfalls als Braun-Kenner ausgewiesene Literaturwissenschaftler Martin Straub zum Geleit. "Offensichtlich werden so auch die Literaturverhältnisse des verflossenen Landes. Man hat den Eindruck, die Literaturvermittler sind nicht nur mit Braun und dem Leser im Gespräch, sondern mit einem ,dritten Mann´ einer oberen Behörde, die man von der Wichtigkeit und Qualität eines Buches überzeugen muss. Zensur, Druckverzögerungen und Verbote begleiten das Werk von Volker Braun. Es wäre ein eigenes Kapitel wert."

Unter diesem Aspekt ist besonders das nun vollständige Gespräch "Volker Braun fragt Hans Kaufmann" zu lesen, wo die Herausgeber jene Stellen kenntlich gemacht haben, die der Zensur einst zum Opfer fielen. "Schön wäre es", so Straub weiter, "wenn dieser Band Anstoß zu einer Gesamtdarstellung des bisherigen Braunschen Werkes im Kontext der deutschsprachigen Literatur gäbe. Sie steht aus, wie auch eine wirklich vollständige Werkausgabe."

Der Geburtstagsband zeigt, wie sich der Dichter und die über ihn schreibenden Literaturwissenschaftler auf Augenhöhe begegnen, miteinander den Dialog suchen, kritisch, jedoch würdevoll und fair miteinander umgehen, was im heutigen Kritikergeschäft längst keine Selbstverständlichkeit mehr ist.

i Ingrid Pergande, Ulrich Kaufmann (Hg.): "Gegen das große Umsonst". Vierzig Jahre mit dem Dichter Volker Braun, ½ Pergande und Kaufmann, Berlin und Jena 2009, 336 S. mit s/w Abb., 19,90 Euro

29.04.2009 Von Frank Quilitzsch